Weihnachtsharz

von soe aus der Kategorie Lustige Geschichten

Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, wie das Allerheiligste Fest für einen Gesellschaftlich ausgestoßenen Harzer aussieht. Nein, na dann werde ich euch „oh du fröhliche“ ein improvisiertes Fest vorstellen. Es ist keine zwei Wochen her, da musste ich dem Ort der Argen Peinlichkeit mal wieder einen Besuch abstatten, bei dem die Turbulenzen vergleichbar mit der Turbine eines A380 waren. Nach endlosen Fragen zu meiner unheilbaren Krankheit durch einen Sozialmitarbeiter erhob ich mich in den Status der Immunität und legte das Schweigegelübte ab. Was mir fehlte, war die Kutte. Mit hoch rotem Kopf und großen aufgerissenen Augen starrte mich der Leibeigene Staatsdiener an und erstickte fast an meiner letzten Frage. Ob den zum Fest einen B-Ware Baum und ein Gutschein für Mc Donalds für mich drin ist. Nach dem Rauswurf schrie er mir noch hinterher, ich solle mich an die Kirche wenden, die würden Kakerlaken wie mir in solchen Fällen helfen. Na ja, eine Weihnachtsstütze sollte mir eigentlich der Staatsbutler geben. Mit Gott hatte ich schon vorher gesprochen und eine sichtliche Antwort erhalten, da mir mein zerfetztes Leder Portmonee aus der Jeanstasche gefallen war und dabei keine klimpernden Geräusche entstanden. An den Verein für umstrittene religiöse Ansichten wollte ich mich lieber nicht wenden. Nach deren Ansicht soll man in Demut leben, aber welcher Gott möchte solch einen Kriecher haben. Gott trage ich in mir und noch bin ich mit meinen Festvorbereitungen nicht am Boden angelangt. Also organisierte ich mir in einer nächtlichen Aktion, weit abgelegen an den Bahngleisen einen stark mitgenommen und mehrfach verwendeten Tannentraum, bog mit diesem in mehrere dunkle Gassen ab und kam völlig verdreckt in meinem Domizil an. Zur Belohnung gönnte ich mir einen losgelösten Kaffee aus meiner Harz-Kollektion. Bei einer Selbstgedrehten machte ich mir über den Schmuck meiner Edeltanne mit Harzgeruch entfremdete Gedanken. Bei solch geistiger Anstrengung ist meine innere Ruhe gestört und ich neige zu einem Nickerchen auf meiner solide nachgemachten Rolf Benz Couch. Am nächsten Morgen wachte ich voller Enthusiasmus auf, grinste in den Spiegel und sah zu meinem Erstaunen eine Konservendose von Kühne neben dem Klo als Bürstenhalter. Diese und andere würden sich wunderbar als Weihnachtskugeln eignen. Jetzt fehlten mir nur noch ein paar weitere Dosen. Als ich später einige Mülltonnen abgegrast hatte, war mein Kugelproblem gelöst. Dann schleifte ich mich in mein Lieblings Cafe „Zwei Bohnen zu einem Preis“ und wurde ständig angegrinst. Ich hörte mich wahrscheinlich schon von weitem an wie eine Hochzeitskolonne, mir fehlte nur die Braut. Die kann Mann sich mit einem Harzerstatus nicht leisten. Na ja, als ich einen Kaffee bei George bestellte, viel mir am Nebentisch ein alter Mann auf, der sich gerade sein Butterbrot aus der Alufolie kramte. Bei dem Anblick löste sich mein Lametta Problem fast in Luft auf. Jetzt fehlte mir nur noch die Lichtquelle für meinen Second Hand Baum. Das ist für einen Harz gestrandeten eine fast unüberwindbare Hürde. Vielleicht sollte ich in einer weiteren nächtlichen Aktion meine Erleuchtung finden. Ich verwarf den Gedanken sofort wieder, da ich Weihnachten bei mir feiern wollte. Hätte ich mir im Sommer ein paar Glühwürmchen gezüchtet, hätte ich jetzt Lämpchen für das Symbol eines kapitalistischen Weihnachtens. Stelle mir gerade einen geschmückten Tannenbaum neben der Grippe von Jesus vor und die heiligen drei Könige, die auf ‘nem Fahrrad trampeln um die Lichter zum Leuchten zu bringen. Oh je, die ganze Sache steigt mir zu Kopf. Dann bekam ich ein Gespräch zwischen zwei angehauchten Damen mit, die darüber fachsimpelten, wo es in der gesamten Großstadt die günstigste Lichterkette gibt. Der Laden in dem es quasi die Lightversion der Lightversionen gibt, liegt außerhalb meines Schwarzfahrertickets. Per Anhalter zu der langersehnten Lichterkette aus purem Kunststoff. Wie blöd muss ich eigentlich sein, so blöd, dass ich zwanzig Minuten später wie ein Stricher am Straßenrand um eine Mitfahrgelegenheit kämpfte. Zu meinem Glück prasselte wenig später Regentropfen auf meine Nasenspitze. Sie liefen an mir runter, wie die Fragen der Sozialarbeiter im Verhör für Nichterwerbstätige. Nass und durchgefroren kam ich am Abend in meiner Bude an und warf mich unverzüglich in meine mit Macken übersäte Badewanne. Wollte mir nur noch symbolisch die Erfahrungen des Tages wegwaschen, um anschließend die Früchte an meinen Baum anzubringen. Schließlich war morgen der Tag der Tage, an dem sich jeder freuen soll. An diesem Tag wurde Jesus geboren, gestorben weil er an etwas glaubte. Heute glauben die Menschen auch an etwas, dass hat aber wenig mit dem Glauben Jesu zu tun. Schau dir deine Mitmenschen an, wie mein dünnes Klopapier, so dünn, dass ich meine Hand deutlich durch den Streifen erkennen kann. Aber dass soll mich nicht blenden, den schließlich möchte ich mir dass Fest dadurch nicht schmälern. Bei Alldie hab ich mir schon letzte Woche einen Rotwein aus der zweiten Palette gegriffen, an dem fehlte ein Etikett und ich bekam ihn etwas billiger. Dazu noch eine Aufreißpackung Curry King und selbstgepflückte Kartoffeln, mehr ist finanziell nicht drin. Hoffe nur, dass der Strom für meine Speermüll Mikrowelle ausreicht, wenn ich morgen Abend die Weihnachtsbeleuchtung einschalte. Zwei Stunden später hatte ich das Brotpapier in feinste dünne Lametta Streifen geschnitten, ohne es vorher zu bügeln. Das formen der Dosen in Kugeln gestaltete sich da schon schwieriger, aber für einen Improvisator und Harzer nicht unmöglich. Man hat sich ja schon eine Weile darauf eingestellt, die Verarbeitung von Geringfügigkeit zu üben. So etwas nennt sich freie Kugelgestaltung. Dann kam noch die Lichterkette, ehrlich erworben und unter härtesten Bedingungen angeschafft, zum Zug. Am 23.Dez.2007 um 23:30 Uhr startete ich den ersten Probelauf meines Weihnachtsbaums. Dann checkte ich Gewissenhaft meine Funktionsliste und machte brav Häkchen. Alle Dosen hängen, Lametta hängt stramm vom Baum und die Lichterkette brennt. Konnte meinen müden Blick kaum noch auf den Baum richten, da ich von soviel Glanz überwältigt wurde. Also erst mal ein Nickerchen und im Traum Stimmungserhellende Endorphine ausschütten, bis der Rausch eintritt. Fliege gerade mit ‘nem Schlitten vor dem Sozialarbeiter gespannt sind im Weihnachtsmann Kostüm über einen Tannenwald, geschmückt mit Lichterketten. Hoffentlich endet der Traum nicht. Am nächsten Morgen mußte ich mir erst mal neue Rentiere besorgen, da die aktuelle Besetzung an Herzversagen gestorben war. Die Kelten waren immer schon davon überzeugt, dass Arbeit einem Freude bereiten soll, ansonsten wird die Seele müde und lustlos, wie meine erste Rentierstaffel. Also schlief ich noch ne Weile und verheizte eine Staffel nach der anderen. Aufgewacht bin ich erst, als ich an einer Bank vorbeiflog und dort auf einer riesigen Leuchttafel meinen Kontostand erblickte. Diese Zahlen werde ich nie vergessen, groß und in leuchtendem Rot. Schweißgebadet wachte ich auf und taumelte in mein Badeklo. So hatte ich mir den Morgen an einem heiligen Tag nicht vorgestellt. Aber es gibt Situationen, denen muss man sich nicht stellen. Also werde ich in Zukunft einen Traumfänger mit Videofunktion über mein Bett hängen. Sollte ich mich mehrmals im Schlaf drehen, erscheint die Anzeigetafel der Arge über meinem Bett. Ein Wachkomma ist natürlich als Nebenwirkung nicht auszuschließen. Der Rest des Tages verlief ohne weitere Zwischenfälle. Am Heiligen Abend machte ich mir in der Mikrowelle ein Festmahl der Sinne, bestehend aus verstrahlten Kartoffeln, halb durch und eine verpackte Currywurst die allerdings etwas hart ausgefallen war. Meine Flasche Wein leerte ich viel zu schnell, was dazu führte, dass ich von meinem Tannentraum nicht mehr viel mitbekam. Als ich auf meiner nachgemachten Rolf Benz Couch einschlief, manifestierte sich ein Gedanke. Wie erging es wohl all den anderen Harzern an diesem Heiligen Tag. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, als ich an der Bahn den Tannentraum mitgehen ließ, verlor ich dabei mein zerfetztes Leder Portmonee. Ihr könnt euch sicher vorstellen, welche Folgen das für einen Harzer hat. Aber davon will ich euch an dieser Stelle nicht berichten. Na dann, frohes Fest


Kommentare

Es gibt einen Kommentar zu dieser Geschichte

odin schrieb am 18.11.2010 um 12:40 Uhr folgenden Kommentar:
hallo twity - wirklich sehr schön, glg odin

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu schreiben.