Sturm.

von HappyWriter aus der Kategorie Drama Geschichten

"Das Wetter wird in unserer Region etwas windig." Der Wettermann im Fernsehen lachte unecht. Dann machte er wieder ein ernstes Gesicht: "Ein Sturm zieht von Westen her auf, es sind Gewitter zu erwarten, Regenschauer, starke Winde und Blitze. Es wurde eine Sturmwarnung ausgegeben, bitte verlassen sie in den nächsten Tagen nur in Notfällen das Haus. Der Hauptsturm wird morgen eintreffen, bitte bleiben sie im Haus, am besten gehen sie in einen Keller. Es sind ernste Gewitter zu erwarten." Nach der ernsten Nachricht wurde wieder der fröhliche Moderator eingeblendet, der anfing, so begeistert von Sport zu quatschen, als ob das ihn wirklich interessieren würde. Der Wind pfiff ums Haus und in der Küche schepperte meine Ziehmutter, Kelly, mit dem Geschirr herum. Neben mir schnarchte Ted, ihr Mann, wie eine Kettensäge, mich würde es nicht wundern, wenn er daran erstickte. Ich lehnte den Kopf zurück auf unser Sofa, hob ihn aber gleich wieder, da er nach Mops, unserem Pudel, stank. Ein Pudel namens Mops, bescheuert, oder? Genauso bescheuert wie mein Leben. Es war nicht einfach, wie eine Plastiktasche von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben zu werden. Da, wo ich jetzt wohnte, würde es auch so sein. Ich sah es ihnen an: Die besorgten Blicke, den ängstlichen Gesichtsausdruck, die neuen Schlösser vor ihrem Schlafzimmer. Himmel, ich hatte es doch nicht gewollt! Ich wollte sie nicht umbringen! Ich hatte meine Eltern geliebt. Ich schloss die Augen und versuchte, die Bilder zu vertreiben. Doch sie blitzte in regelmäßigen Abständen hinter meinen Lidern auf, zusammen mit einem Wort: Mörderin!
Wir hatten ein tolles Leben gehabt. Wir hatten ein schönes Haus, mit Pool im Garten, der großen Trauerweide, die immer mit den langen Ästen an mein Zimmerfenster im 1. Stock gestupst hatte, und der kleinen Katze, Minka, die immer in meinem Bett liegen durfte. Ich hatte langes blondes Haar, Sommersprossen und immer ein Lachen auf den Lippen gehabt.
Inzwischen war es noch länger, seit 2 Jahren ließ ich es wachsen, auch meine Sommersprossen waren nur etwas blasser, aber mein Lachen hatte seit 5 Jahren niemand mehr gehört. Es war gestorben, zusammen mit meinem Vater Moritz, Mo, und meiner Mutter Lilly.
Dad hatte mich gekitzelt, bis ich atemlos vor Lachen selbst ins Bett sprang, und Mum hatte die besten Muffins der Welt gemacht. Wenn ich einen Alptraum hatte, nahm sie mich auf den Arm, sagte: "Ganz ruhig Lucy, dasist alles nicht passiert.", trug mich ins Wohnzimmer und wir schauten zusammen in die Sterne. Dann, wenn ich mich beruhigt hatte, trug sie mich in ihr Schlafzimmer und ließ mich dort bleiben, in ihre langen goldenen Haare gekuschelt, den Blick auf Dad mit seinem braunen Wuschelhaaren, die jeden Morgen vom Kopf abstanden. Ich war beliebt gewesen in der Schule, hatte gute Noten und Freunde, die mich mochten. Mit einem Schlag war das vorbei gewesen. Mit 11 hatte für mich ein neues Leben begonnen, an einem anfangs wunderbaren Tag. Sonntag, unser Familientag, wir schwammen im Pool, meine Eltern und ich. Es war so lustig gewesen, Dad und ich kämpften mit Wasserpistolen, bis wir uns gegen Mum verbündeten, die sich auf dem Liegestuhl sonnte. Ganz nass spritzten wir sie, bis sie zu uns in den Pool sprang und sich rächte. Während Mum und Dad noch ihre Bahnen schwammen, lief ich barfuß zum Haus, um die Heidelbeeren, die ich am Waldrand gefunden hatte, zu holen, ich hatte sie mit Schlagsahne völlig zugedeckt. Dann lief ich auch noch in mein helles Zimmer mit den rosa Blumen an den Wänden, um ein Handtuch zu holen. Freudig war ich in den Garten gelaufen, um ihnen die Beeren zu geben. Ich sah zu, wie sie alle aßen, die ganze große Schüssel voll, und mir sagten, sie schmeckten gut. Dann gingen wir ins Haus, da es schon Ende August, Abend und kalt war. Am nächsten Morgen sprang ich freudig im Schlafanzug ins Schlafzimmer meiner Eltern, um sie aufzuwecken, wie jeden Morgen, da ich immer als erste aufwachte. Sie lagen schon da, mit offenen Augen, was mich wunderte, da sie nie vor mir wach waren. mir war es so seltsam vorgekommen, dass ich stehen blieb, vor dem Bett. Ich erschrak fürchterlich, als ich sah, dass sie einfach nur dalagen, still, bleich, ohne Regung. Vorsichtig war ich zu ihnen gegangen, hatte es nicht glauben wollen. Kalt fühlte sich ihre Haut an, meine Mum reagierte nicht, als ich ihren Namen rief. Als ich realisierte, dass sie tot waren, rannte ich. Ich rannte, hinaus in den garten, zwischen den Bäumen durch, unter den zwitschernden Vögeln vorbei, merkte nicht, dass Dornen mir den Schlafanzug zerrissen, meine Füße anfingen zu bluten, als ich barfuß über die spitzen Steine rannte. Ich lief so lange, bis ich vor Erschöpfung hinfiel, in zwei Sträucher hinein, mit den blauen Beeren, die ich gepflückt hatte, mit denen ich meine Eltern ermordet hatte. Es waren schwarze Tollkirschen gewesen, giftig, Tod durch Atemlähmung. Ich hatte das wichtigste der Welt verloren, Mums Atem beendet, Dads leises Schnarchen erwürgt. Es liefen nur noch Tränen über mein Gesicht, ich weinte lautlos. Als man mich fand, hatten alle Angst vor mir, dem Mädchen, dass die Eltern ermordet hatte.
Seitdem war ich so, verschlossen, verzweifelt, beängstigend, obwohl ich nichts tat. In meinem neuen Leben hatten alle Angst vor mir, ich war einsam. In 6 Pflegefamilien war ich schon gewesen, niemand wollte mich.
Ärgerlich wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel, stand auf und ging in mein kleines düsters Zimmer, ich hatte nämlich beschlossen, dass für mich nichts Gutes mehr sein durfte, den das Beste hatte ich vernichtet. Ich warf mich ins quietschende Bett und fing an, mein Lieblingsbuch zu lesen, "Engelsnacht" von Lauren Kate. Das Mädchen in dem Buch war mir ähnlcih, genauso gestört, genauso verzweifelt. Wenigstens bekam sie noch eine Chance auf ein HappyEnd, mit einem super Typen, aber im echten Leben hatte man nur eine Chance, meine war schon vorbei. Als Kelly mich mit zitternder Stimme zum Essen rief, klappte ich das Buch zu und ging hinunter. Als wir die Dosensuppe schlürften, stierten mich meine Pflegeeltern an, bis ich sie genervt anfuhr: "Was ist?" Erschrocken zuckten sie zurück und senkten ihren Blick verängstigt auf das volle Teller. Um sie beim Essen nicht zu stören lies ich den Löffel fallen und verschwand in meinem Zimmer. Ich wusste, dass es ungerecht war, sie so anzuschreien, aber sie mussten mich ja nicht anglotzen wie eine Missgeburt. Oben verkroch ich mich in mein Bett und zog die Decke über die Ohren. Der Wind pfiff ums Haus, rüttelte an den Bäumen und hielt mich vom Denken ab. Nach ein paar Minuten schlief ich.
Am nächsten Tag sah es zu Mittag noch aus wie Nacht, da die Gewitterwolken den Himmel pechschwarz färbten. Ich zog meine schwarze Jeans an, die grauen Schuhe und den hellgrauen Pulli. Meine Eltern verfolgten mich noch vom Traum her in die Wirklichkeit, ihr Lachen, ihre Stimmen, ihr Geruch. Jede Nacht aufs neue quälte mich der Traum, als wollte er mir zeigen, was ich nicht mehr hatte, mich verhöhnen. "Ich geh raus!", rief ich Kelly zu, und schlenderte zur Tür. "Komm schnell wieder, denk an den Sturm!", rief sie mir nach. ich konnte nichts versprechen. Sie klang besorgt, doch ich wusste, dass nicht besonders traurig sein würde, wenn ich von einem Baum erschlagen würde. Und ich dachte an den Sturm. Sehr genau dachte ich an den Sturm. Als ich die Wohnungstür aufriss, wirbelte sofort eine Windböe durchs Haus und riss mich halb nach draußen. Die Haare flatterten um mich herum, als wären sie zornig, der Wind peitschte den Regen in mein Gesicht, Blitze krachten in nächster Nähe in den Boden. Langsam schritt ich zur Trauerweide, die hinten am Fluss stand, ein kümmerliches Abbild zu der Weide im Garten meines früheren Zuhauses. Die kahlen Äste wirbelten um den dürren Stamm und trieben die letzten Blätter in den schäumenden Fluss. Ein Blitz, so laut und hell, dass ich fast aufschrie, schlug in den Baum ein und er neigte sich bedrohlich zum tiefen Fluss über die Klippe. Noch ein Einschlag und der Baum würde die tiefe Schlucht hinabstürzen. Ohne Nachzudenken rannte ich zum Stamm und kletterte hinauf, bis in die höchsten Wipfel. Von dort konnte ich die Umgebung überblicken, die Felder, das kleine Dorf, den Berg mit dem Kreuz auf den Gipfel. Der Fluss unter mir schäumte und wütete, das Wasser spritzte in alle Richtungen. Ich blickte in den Himmel, Blitze zuckten zwischen den Wolken hin und her, Donner erfüllte die Luft. Wie in Zeitlupe senkte sich ein heller Strahl auf die Erde, ließ die Luft erbeben, und schlug in die Weide ein. Ich spürte Hitze im Gesicht, der Baum schrie und ächzte unter mir, der Wind heulte und mit einem Krach neigte sich der Baum über die Klippe. Ich schrie, aber nicht vor Angst, sondern vor Glück. In freiem Fall flog ich mit der starken Weide die Klippe hinunter, die ihre Äste um mich wickelte, wie um mich zu fangen, ihre Äste fühlten sich an wie die Arme meiner Mutter, und rochen wie mein Vater. Ich fiel weiter, trunken von Freiheit. Und zum letzten Mal in meinem Leben lachte ich wieder.
Dann war da nichts mehr.
Nichts.


Kommentare

Es gibt noch keinen Kommentar zu dieser GeschichteSie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu schreiben.