Schattenläufer >Wenn Träume wahr werden<
von Sel aus der Kategorie Geschichten zum Nachdenken
Cynthia wand sich.
Sie wehrte sich, sie trat die dunklen Schatten von sich.
Panik quälte sie.
Cynthia wollte schreien, konnte es aber nicht.
Cynthia war gefangen. Gefangen in der Dunkelheit, die jeden Laut aufzusaugen schien. Die sie festhielt.
Dann verschwanden die Schatten plötzlich in der Dunkelheit.
Cynthia wachte mit einem Schrei auf.
Schon wieder hatte sie schlecht geträumt.
Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie atmete heftig.
Es war nur ein Traum, versuchte Cynthia sich zu beruhigen.
Aber war es normal, wenn man zweimal hintereinander den selben Traum hat?
Letzte Nacht hatte es angefangen.
Da waren die dunklen, seelenlosen Schatten nur um sie herumgestreift. Doch diese Nacht hatten sie nach ihr gegriffen.
Noch nie hatte sie ein Traum so sehr geschockt.
Es war sechs Uhr morgens. Montag. Schule.
Leise kroch Cynthia aus ihrem Bett.
Der Wecker hatte geklingelt.
Ohne ihn wäre Cynthia immer noch im Traum gefangen gewesen.
Cynthia schüttelte es bei dem Gedanken.
Cynthias Pflegemutter schaute in das Zimmer. „Alles okay?“, fragte sie. Cynthia nickte stumm. „Wieder schlecht geträumt“, murmelte sie. Karin, die Pflegemutter musterte sie mitleidig. Dann schloss sie die Türe wieder.
Cynthia war Vollwaise. Über ihre Eltern war nichts bekannt.
Cynthia mochte Karin. Seit sieben Jahren war sie ihre Pflegemutter. Und Cynthia war sich sicher, Karin mochte sie auch.
Der vorletzte Tag vor den Sommerferien. Dann wäre Cynthia schon in der neunten Klasse.
Cynthia hat keine Lust auf einen Schultag. Nicht nach einem solchen Traum. Aber sie konnte Jasmin, ihrer besten Freundin, von ihrem Traum erzählen.
Also aß sie stumm ihr Frühstück und lief zum Bus.
In der Schule angekommen, begrüßte sie sofort Jasmin.
„Hast du am Samstag zu lange gefeiert, oder warum siehst du so fertig aus?“, fragte Jasmin. „Schlecht geträumt. Zweimal hintereinander“, sagte Cynthia und seufzte. „Von was geträumt?“, fragte Jasmin neugierig. „Seltsame Schattenwesen. Die hab ich vorher noch nie gesehen“, meinte Cynthia. Jasmin runzelte die Stirn.
„Sowas ähnliches hatte ich auch schon, das geht vorbei“, sagte Jasmin. Cynthia lächelt. „Danke“, sagte sie.
Dann versuchte sie, sich auf Geometrie zu konzentrieren.
„Früher hab ich von Blumenwiesen und Pferden geträumt, dann eine zeitlang gar nichts und jetzt sowas?“, fragte Cynthia. „Von Pferden hast du eher am Tag geträumt“, bemerkte Jasmin. Cynthia verdrehte die Augen.
Jasmin war bei Cynthia zu Hause.
„Vielleicht solltest du nicht so viel darüber reden, sonst kommen die Träume sicher wieder“, riet Jasmin Cynthia.
„Ja, du hast Recht. Lass uns was anderes machen“, sagte sie.
Am Abend traute sich Cynthia nicht, ins Bett zu gehen. Doch sie musste.
Sie traute sich nicht die Augen zu schließen, weil sie Angst hatte, die Schatten würden wiederkommen.
Doch um Mitternacht schlief sie dann doch ein.
Und prompt begann der Albtraum von neuen.
Die Dunkelheit umschloss Cynthia wieder.
Cynthia konnte es vernehmen.
Ein leises Flüstern. Ein Lispeln.
Die Schatten kamen aus einem kleinen Licht, weit weg.
Erstmals bemerkte Cynthia, dass sie selbst nicht mehr bestand.
Sie fühlte sich leicht, und doch beklemmt, in die Enge gedrängt.
Alles war dunkel, nur weit, ganz weit weg sah sie diesen Ausgang.
Dieses Licht, aus dem die Schatten kamen.
Wäre Cynthia am nächsten Morgen nicht immer wieder aufgewacht, sie hätte gedacht sie wäre tot.
Das Flüstern wurde lauter.
Cynthia wollte keine Angst haben.
Sie begriff im Traum, dass es bloß ein Traum war.
Die Schatten hatten nun sogar Gesichter.
Knochig, wie die einer Mumie.
Sich selbst wollte Cynthia gar nicht erst sehen.
Plötzlich wurden die Schatten von dem kleinen Lichtpunkt aufgesogen. Und Cynthia wachte auf.
Aber nicht vom Weckerklingeln. Karin hatte sie geweckt.
„Hast du den Wecker nicht gehört? Er hat schon eine ganze Weile geklingelt“, sagte Karin. Cynthia setzte sich auf.
Ich habe den Wecker nicht gehört?, fragte Cynthia sich. So wie der immer klingelt, kann mir das doch gar nicht entgangen sein!
Schnell aß Cynthia ihr Frühstück. Der letzte Schultag.
Als sie Jasmin sah, erzählte Cynthia ihr sofort von der vergangen Nacht.
„Die Schatten reden mit dir?“, fragte Jasmin.
Cynthia lächelte. Jasmin und sie waren abergläubisch veranlagt.
„Ich glaube, die Schatten wollen mir etwas sagen“, meinte Cynthia. „Das ist nicht ganz unmöglich“, meinte Jasmin.
„Ich werde über die Sommerferien sicherlich alles andere erfahren“, sagte Cynthia.
„Ja, und dann erzählst du mir alles, okay?“, fragte Jasmin.
Cynthia nickte.
Dann betrat der Lehrer das Klassenzimmer und der Unterricht begann.
Am Abend schlief Cynthia schnell ein.
Beinahe sehnsüchtig erwartete sie die Dunkelheit mit dem Licht, und die Schatten, die auftauchen.
Die Dunkelheit wölbte sich über Cynthia.
Cynthia fühlte sich leicht und frei.
Angst existierte in dieser Welt nicht mehr.
Das Licht strahlte ihr entgegen.
Die Schatten tauchten auf.
Schwarz, tot, aber nicht mehr seelenlos.
Cynthia erkannte Gesichter.
Recht hübsch, nicht mehr knochig.
Ein Mädchen und zwei Jungen.
Oder auch ein Junge und ein Mann.
„Cynthia!“, flüsterte das Mädchen.
Cynthia überlegte.
„Ja?“, fragte sie.
„Cynthia, komm mit!“, flüsterte die zarte Stimme.
„Wohin mit?“, fragte Chynthia.
Ihre Stimme klang fremd und leblos.
„In unser Reich“, flüsterte das Mädchen.
„Wer seid ihr?“, fragte Cynthia.
Sie hatte Kontakt mit den Geistern aufgenommen.
„Ich bin Soul und das ist mein Bruder Vari und mein Vater Vaim“, sagt die Stimme.
„Soul? Das heißt Seele“, bemerkte Cynthia.
„Gut. Vari heißt Schatten und Vaim Geist“, säuselte die Stimme.
„Was für eine Sprache ist das?“, fragte Cynthia.
„Geistersprache?“
„Denk nicht so kompliziert, das ist einfach nur estnisch“, sagte der Junge.
Die Körper der Geister machten Cynthia keine Angst mehr.
„Komm bitte mit“, bat der Junge.
Cynthia überlegte.
Habe ich etwas zu verlieren? Nein, ich glaube nicht, dachte sie.
Cynthia nickte. Doch sie bezweifelte, dass die Geister es in der Dunkelheit sehen konnten.
„Gut, ich komme mit“, sagte sie.
Dann ließ sie sich von den Geistern zu dem Licht ziehen.
Einen Moment wurde Cynthia geblendet.
Dann sah sie eine wundervolle Landschaft.
Blumenwiesen.
Pferdeherden.
Meer.
Strand.
Sonne.
Alles Dinge, von denen man nur träumen konnte.
Alles Dinge, von denen ich früher geträumt habe, dachte Cynthia verträumt.
„Das ist unser kleines Reich“, sagte Soul.
„Das Traumland“, fügte Vari hinzu.
„Das Traumland?“, fragte Cynthia.
„Hierher kommen Träumende, wenn sie schlafen“, sagte Vaim.
Jetzt in der Helle, die dieses Traumland barg, konnte Cynthia das feine Gesicht von Soul sehen. Ihre Augen waren blau. Soul war dennoch weiß und leicht transparent.
Eine schwarze Kutte trugen die Geister alle.
„Sieh dich erst noch ein bisschen um“, sagte Vaim.
Cynthia nickte.
Sie schwebte. Sie war so frei und leicht.
Sie schwebte zu den Pferden.
Sie lachte. Sie lachte laut.
Ihre Stimme hallte seltsam nach.
Doch all das war ihr völlig egal.
Sie war glücklich.
Soul winkte sie wieder zu sich.
„Ich glaube, du bist jetzt bereit“, meinte Soul
„Wofür bereit?“, fragte Cynthia.
Doch da verschwamm das Traumland.
Plötzlich löste sich alles auf und Cynthia fühlte, wie sie etwas nach unten zog. Plötzlich wachte sie auf.
Sie hörte ein Piepsen.
„Cynthia!“, rief jemand.
Sie öffnete die Augen.
Über ihr stand Jasmin.
„Was ist passiert?“, fragte Cynthia.
„Du bist im Krankenhaus“, sagte Jasmin und setzte sich auf die Bettkante.
„Du bist nicht mehr aufgewacht. Ich bin sofort gekommen, als ich das von Karin gehört habe“, sagte Jasmin.
„Wie spät ist es?“, fragte Cynthia.
„Vor genau vierundzwanzig Stunden bist du ins Bett gegangen“, erklärte Jasmin.
„So lang kam es mir nicht vor. Ich hab wieder geträumt. Ich habe die Schatten kennengelernt“, erzählte Cynthia.
„Sie wollten mir noch etwas sagen“, beendete sie.
„Du musst wieder schlafen, um den Rest zu erfahren, stimmts?“, fragte Jasmin. Cynthia nickte.
„Gut, ich schlafe neben dir. Ich passe auf dich auf“, sagte Jasmin und deutete auf das Bett neben dem von Chyntia.
Cynthia nickte. Sie war sehr erschöpft.
Sie schloss die Augen.
Beinahe sofort erschien die Finsternis.
Wie ein Tor in ein besseres Leben lud das Licht dazu ein, in das Traumland einzutreten.
Cynthia schwebte beinahe von selber in das Licht.
Soul, Vaim und Vari waren schon da.
„Wir wussten, dass du wiederkommen würdest“, sagte Vaim nur.
„Was wolltet ihr mir sagen?“, fragte Cynthia.
„Du bist Waise, nicht wahr?“, fragte Soul.
„Ja“, sagte Cynthia etwas irritiert.
„Dein Name ist nicht Cynthia. Dein Name ist Varju Jooskja“, sagte Vari.
„Wie jetzt?“, fragte Cynthia.
„Das bedeutet Schattenläuferin“, sagte Vaim.
„Du bist unsere Königin. Du warst im falschen Körper, du musst mit uns gute Träume erschaffen“, sagte Soul.
„Das verstehe ich nicht“, sagte Cynthia.
„Du bist eine Schattenkönigin. Du bist die Nachfolgerin deiner Eltern. Du musst wissen, das Traumland ist gleichzeitig das Reich der Schatten“, sagte Vaim.
Plötzlich tauchten links und rechts von ihr mehr Schatten auf.
Tausende und abertausende.
Alles Tote! Bin ich eine von ihnen?, fragte sich Cynthia.
Und da war sie wieder.
Die Angst.
Schlimmer denn je.
Cynthia schrie.
„Nein!“
Dann war es still.
„Cynthia?“, fragte jemand.
Cynthia öffnete die Augen.
Schweiß stand ihr auf der Stirn.
Jasmin lag neben ihr im Nachbarbett.
Die Nachttischlampe brannte.
Cynthia setzte sich auf.
„Das ist mehr als ein böser Traum“, japste Cynthia.
„Das ist real!“
„Wieso?“, fragte Jasmin.
„Sie wollen mich bei sich behalten. Mein Name ist…Varju Jooskja“, sagte sie.
„Schattenläuferin“, fügte Cynthia hinzu.
„Heißt das, dass du…“, Jasmin brach ab.
„Ja. Das heißt es. Für mich gibt es keinen weiteren Sonnenaufgang mehr“, flüsterte Cynthia.
„Jedenfalls nicht in dieser Welt.“
„Oh Cynthia!“, flüsterte Jasmin.
Sie ging zu ihrer Freundin und umarmte sie.
„Du warst eine gute Freundin“, sagte Cynthia.
Jasmin schluchzte.
„Nicht weinen“, flüsterte Cynthia.
Doch auch Cynthia stiegen Tränen in die Augen.
„Noch heute Nacht werde ich diese Welt verlassen. Doch in deinen Träumen kannst du mich besuchen“, tröstete Cynthia ihre Freundin.
Jasmin ließ los und sah ihrer Freundin in die Augen.
Sie nickte tapfer.
„Ich werde auf dich warten“, sagte Cynthia.
Jasmin nickte.
Cynthia ließ sich zurück in ihr Bett gleiten und beinahe sofort verließ sie ihren Körper.
Sie kehrte in ihren wahren Körper, der eines Schattens, zurück.
Die Dunkelheit empfing sie.
Soul, Vari und Vaim empfingen sie ebenfalls.
„Varju Jooskja ist da!“, flüsterte Soul.
„Varju Jooskja ist zurück!“, sagte Vari.
„Varju Jooskja ist wieder bei uns!“, rief Vaim.
Schatten tauchten auf.
Cynthia fühlte nichts mehr.
Keine Verzweiflung.
Keine Angst.
Nur Glück.
Ihre Eltern waren die Schatten.
Ihr zu Hause war das Traum-und Schattenland.
Zusammen mit den anderen Schatten half Varju Jooskja nun, anderen Leuten schöne Träume zu bereiten. Sie traf Jasmin manchmal, doch sie erkannte sie nicht. Ihr Leben war ausgelöscht. Varju Jooskja war zurück, Cynthia war tot. Cynthias Seele war im Himmel, nur ihr Geist lebte im Traumland. Cynthia war nicht mehr Cynthia. Es gab nur noch Die Schattenläuferin Varju Jooskja, die Königin der Traumwelt.
Kommentare
Es gibt 4 Kommentare zu dieser Geschichte
Sel schrieb am 27.10.2011 um 16:33 Uhr folgenden Kommentar:
Schön, wenn euch meine Geschichte gefällt^^ Hab immer wieder versucht, Bücher zu schreiben...nur leider gehen mir die Ideen aus und es wird immer langweiliger bzw. abgehackter. Ich hab es nur zu einer Buchreihe geschafft, wo viele nicht so ganz mitkommen, da man den Hintergrund kennen muss...
Stephanie schrieb am 26.10.2011 um 17:33 Uhr folgenden Kommentar:
11 Jahre....ich kann es eigentlich gar nicht glauben nachdem ich diese Geschichte gelesen habe! Wow! Eigentlich fehlen mir die Worte, es ist wirklich eine richtig tolle Geschichte! Ich selbst habe auch ziemlich früh mit dem Schreiben angefangen, eigentlich fing alles mit einem Schulaufsatz in der Grundschule an, der mit einer 1 bewertet wurde :) Ja und seit dem fließen die Gedanken aufs Papier wie das Wasser in einem Fluss :)
Schreib weiter, ich freue mich, wenn ich bald wieder so eine gute Geschichte von dir lesen kann.
Sel schrieb am 23.10.2011 um 20:21 Uhr folgenden Kommentar:
Ja, ich bin 11.
Du bist nicht die erste, die mir sagt, dass ich Talent habe. Aber jedesmal wenn mir jemand das sagt, dann geht es mir besser. Vielen Dank für das Kommentar, du hast mich ermutigt. Ich schreibe täglich Geschichten, so schnell werde ich nicht aufhören^^
Claudia Embacher schrieb am 23.10.2011 um 17:31 Uhr folgenden Kommentar:
Sel...Du schreibst unglaublich...unglaublich für Dein Alter...bist Du wirklich erst 11 Jahre alt? Ich habe fast weinen müssen bei der Geschichte, hör' nicht auf zu schreiben,...in Dir steckt ungeheuer viel Potenzial...! Nicht aufhören, bitte, ok??? Liebe Grüße....Claudia