Sag was du denkst, sonst...

von Sel aus der Kategorie Geschichten zum Nachdenken

Leila sah sich panisch um.
Sie atmete heftig.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Sie lief weiter die Gasse entlang.
Sie hörte die Turmuhr achtmal schlagen.
Und sie hechtete weiter.
Sie hörte die Schritte.
Sie waren manchmal so nah, sodass Leila glaubte, er könne sich gleich auf sie stürzen.
Und dann dachte sie, sie hätte ihn abgehängt.
Doch dann hörte sie die Schritte wieder.
Leila stolperte, fing sich aber wieder.
Es waren nur noch wenige Meter bis zu ihrer Haustür.
Da waren sie wieder.
Nah.
Unheimlich nah.
Doch dann erreichte Leila die Haustür, drehte den darin steckenden Schlüssel um, zog ihn heraus und schmiss die Türe zu.
"Krach nicht so mit der Türe!", rief ihre Mutter aus der Küche.
"Komm, es gibt Essen", sagte sie.
Leila schluckte.
"Keinen Hunger", sagte sie schnell und flitzte die Treppe hinauf.
Sie warf sich auf ihr Bett und weinte.
Sie hatte Angst.
Seit die siebte Klasse angefangen hatte, war diese Gestalt hinter ihr her.
Am ersten Schultag war sie von der Schule nach Hause gegangen, da hatte sie Schritte gehört.
Sie hatte Angst vor Fremden, sie hatte ihre Schritte beschleunigt.
Die hinter ihr waren auch schneller geworden.
Und dann war sie nach Hause gerannt.
Sie hielt es für keine große Sache, erzählte ihrer Mutter nicht davon.
Nach einigen Tagen war sie am Abend von einer Freundin gekommen, und da waren sie wieder gewesen.
Sie hatte Angst bekommen, sie war gerannt.
Sie hatte ihren Verfolger nie gesehen, was sie hörte reichte ihr.
Die Schritte waren ihr gefolgt.
Warum sie ihrer Mutter immer noch nichts sagte?
Eines Tages war sie wieder allein auf dem Weg gegangen und da war er wieder gewesen.
Er hatte sie am Arm festgehalten.
Und sie hatte ihn gesehen.
Nur eine schwarze Maske.
"Erzähl niemanden davon, sonst...", hatte er gesagt.
Doch Leila war ihm auf die Füße getreten, hatte sich losgerissen und war nach Hause gerannt.
Sie wunderte sich, dass sie überhaupt noch zur Schule ging...
"Erzähl niemanden davon, sonst..."
Diese Worte hallten in Leilas Ohren nach.
Leila hatte so unheimlich viel Angst.
Doch sie ging weiterhin zur Schule.
Und jetzt - jetzt war sie wieder da!
Leila konnte ihn hören.
Leila blieb kurz stehen, schloss die Augen einen Moment.
Sie erwartete, dass er sie erneut festhalten würde.
Doch nichts geschah.
Die Schritte hinter ihr verstummten ebenfalls.
Und dann geschah alles ganz schnell.
Sie griff in ihre Jackentasche, drehte sich blitzschnell um, klappte das Messer aus und stach zu.
Blut spritzte auf ihre weiße Jacke.
Leila ließ erschrocken das Messer fallen.
Die Gestalt ging zu Boden.
Das Messer war lang gewesen.
Lang genug, um tödliche Wunden zu verursachen, wenn man die richtige Stelle traf.
Leila fasste sich wieder.
Sie kniete sich neben die Gestalt und zog die Maske herunter.
Und ihr blieb fast das Herz stehen.
"Kai?", fragte sie mit erstickter Stimme.
Nicht der nette, schüchterne Junge aus ihrer Klasse!
"Leila...", flüsterte er.
Leila fingerte ihr Handy hervor.
Schnell rief sie den Krankenwagen.
Leila liefen Tränen über die Wangen.
Sie hatte Kay einmal in die Brust und einmal in den Hals gestochen.
"Kai, das wollte ich nicht!", flüsterte sie.
"Es tut mir so leid", flüsterte Kai.
Ein roter Blutfaden lief aus seinem Mund.
"Kai", schluchzte Leila.
Da hörte sie die Sirenen des Krankenwagens.
"Leila...", flüsterte Kai nochmals.
Er schob ihr einen kleinen Brief zu.
Leila nahm ihn mit klammen Fingern auf.
Dann schoben Ärzte sie zur Seite.

Leila öffnete den Brief mit zitternden Fingern.
Sie lag auf dem Sofa zu Hause.
Von Kai hatte sie noch nichts gehört.
Sie zitterte am ganzen Körper.
Dann las sie:

"Leila, wenn du doch nur wüsstest, was ich für dich empfinde! Ich war es, der dich verfolgte. Ich wollte dich etwas fragen, aber ich traue mich nicht. In diesem Brief will ich endlich loswerden, was schon seit der Grundschule an mir hängt. Ich liebe dich, doch ich bitte dich, hasse mich jetzt nicht. Kai."

Leila legte den Brief beiseite.
Ihr Vater kam herein und warf ihr einen mitleidigen Blick zu.
Leila hatte endlich alles erzählt, hatte sie ja müssen, als sie mit der Polizei nach Hause gekommen war.
In der Hand hielt er die Zeitung.
"Und, gibts was neues?", fragte Mutter.
Vater machte eine abfällige Geste.
"Immer nur der selbe Tratsch", sagte er und legte die Zeitung aufgeschlagen auf den Wohnzimmertisch.
Leilas Blick fiel auf einen kleinen, aber gut gekennzeichneten Artikel. Er war schwarz mit weißer Schrift.
Leila holte die Zeitung zu sich.

"Dreizehnjähriges Mädchen hat wegen offensichtlicher Verfolgung Mord an einem Klassenkameraden begangen.
Schon seit langem war er ihr gefolgt, hatte ihr seine Gefühle sagen wollen.
Doch Leila K. hat es falsch verstanden und ihn niedergestochen."

Tränen stiegen in Leila auf und sie wünschte sich, tot zu sein, die Zeit zurückdrehen zu können oder gar nicht zu leben.

Einige Wochen später ging Leila die Straße entlang.
Sie wünschte sich, die Schritte erneut zu hören.
Dann würde sie sich umdrehen und fragen, was dieser Jemand von ihr wollte.
Doch alles war still, bis auf ihre eigenen Schritte.
Leila betrat den Friedhof.
In der Hand hielt sie einen schwarzen Brief.
Sie ging zu einem der Grabsteine.
Sie kniete sich hin und legte den Brief nieder.
Außerdem hatte sie einen Strauß Rosen dabei.
"Ich weiß, du magst Blumen nicht", sagte sie.
"Du sollst nur wissen, dass es mir so leid tut!", sagte sie mit Tränen in den Augen.
Sie legte die Rosen neben den Brief.
Es waren Rote Rosen.


Kommentare

Es gibt 2 Kommentare zu dieser Geschichte

Sel schrieb am 19.01.2012 um 17:31 Uhr folgenden Kommentar:
Wenn das ein Lob sein soll, sag ich mal danke und als Kritik nehm ich's mir auch zu Herzen :)


Juuul schrieb am 16.01.2012 um 16:35 Uhr folgenden Kommentar:
OMG i-wie unwirklich aber gut zulesen... macht mich gerade voll nachdenklich

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