Liebe geht durch den Magen
von Ramiye aus der Kategorie Liebesgeschichten
Ich schob mich an den Spinden meiner Schule entlang die mir so fremd war wie eine Ewigkeit nicht mehr. Ich hatte die Gelbsucht und war drei Monate nicht in der Schule gewesen. Ob meine Klasse mich überhaupt noch kannte, dachte ich ironisch und grinste schwach. Ich wollte hier am liebsten wieder weg. Es war nicht der übliche Hass auf Schule und Lehrer, ich fühlte mich einfach unwohl. Als würde ich hier nicht hin gehören. Als ich die Klasse betrat, waren erst drei Schüler da, die gelangweilt auf ihren Plätzen saßen. An meinem alten Platz angekommen murmelte Niklas nur, dass dort nun Jake säße. Verwirrt schaute ich ihn an. Ich wollte ihm widersprechen, ich liebte diesen Platz und doch verkniff ich mir jeglichen Kommentar und fragte nur, welcher Platz denn frei sei. Er deutete mit seinem Kopf auf den Platz neben Ryan. Ich lies mich auf den Stuhl fallen und fragte mich insgeheim, warum niemand hier saß. Nach der ersten Stunde war es mir klar warum niemand neben Ryan sitzen wollte. In den drei Monaten hatte Ryan fast zwanzig Kilo und gefühlte Siebzigtausend Schweißdrüsen dazugewonnen und es kamen einem die Tränen, wenn man ihm zu nahe kam. Dann betrat Jake die Klasse und setzte sich direkt auf meinen ehemaligen Platz. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen ihn zu Rede zu stellen. Er war noch ziemlich neu hier in der Klasse. Ich stand auf und blickte ihm direkt in die Augen, als er sich umdrehte und mir die Hand gab.
„Hey, ich bin Jake. Wir kennen uns noch gar nicht. Du musst Sam sein.“ Mit offenem Mund starrte ich ihn an. Du sitzt auf meinem Platz, schoss es mir durch den Kopf und während ich ihm dafür in Gedanken in den Schritt trat, antwortete ich nur: „Allerdings.“ „Schön dich kennenzulernen. Ich habe schon einiges von dir gehört“, säuselte er weiter. Ich schüttelte den Kopf. „Mir warst du bisher unbekannt.“, murmelte ich und bat darum, dass wenigstens das verletzend klang. Aber er war viel zu nett um ihn wegen der Platzsache anzumachen und vielleicht wusste er es auch gar nicht. Ich saß also weiterhin bei Schweißfußryan. Auf dem Nachhauseweg machte ich einen Umweg über den nahgelegenen Supermarkt. Mein Dad war auf Geschäftsreise, meine Mutter war ausgezogen als ich vier Jahre alt war. Deshalb musste ich heute Abend für mich und meinen großen Bruder Jeremy kochen. Nur was? überlegte ich, als ich durch die Regale schlenderte. Ich fuhr mit meinem Finger über die Rücken der Kartons in denen die Lebensmittel standen und griff nach einem Päckchen Vanillepudding.
Dasselbe Päckchen Pudding wurde im selben Moment von einer weiteren Hand gegriffen. Erschrocken schaute ich hoch zu der Person, die vor mir stand und zog mir meine Kopfhörerstöpsel aus den Ohren. „Eine Vanillepuddingliebhaberin?“, fragte sie mich. Ich hustete. Dort vor mir stand mit Abstand der heißeste Kerl, dem ich je in meinem Leben begegnet war. Er grinste mich an und deutete auf meine Hand, die immer noch auf dem Päckchen klebte. „Das ist meins“, zischte ich. Er lachte. „Doch so kratzbürstig, wenn es um Vanillepudding geht? Wie wäre es, wenn du heute Abend bei mir vorbei schaust und ich bekoche dich mit Vanillepudding?“, fragte er und legte den Kopf schief. „Das geht leider nicht.“, antwortete ich. Dann hielt er mir das Päckchen vor die Nase. „Dass du mir widerstehst, dass deprimiert mich. Und es zerstört ein wenig mein Ego. Aber der Vanillepudding hat dir doch nichts getan“, er fuchtelte mit dem Vanillepudding vor meiner Nase herum und ich musste lachen. „Ich bekoche heute Abend meinen Bruder. Wenn du möchtest kannst du zu mir kommen und wir kochen zusammen Vanillepudding“. Damit verabschiedete ich mich und nahm ihm das Päckchen aus der Hand. Ich musste grinsen, als er mir hinterher gelaufen kam. „Warte. Wie heißt du denn? Und wo wohnst du? Ich weiß doch heute Abend überhaupt nicht, wo ich hin muss.“ Ich drehte mich nicht um, bis er vor mir stand. Dann zwinkerte ich ihm zu, ging an ihm vorbei und somit aus dem Supermarkt. „Solch Arroganz verdirbt jeden gescheiten Charakter“, flüsterte ich mir selbst zu. Und ich schwor mir, es einem Jungen nie leicht zu machen. Den Fehler hatte ich einmal begangen und ich schwor es mir schon seit langem. Zuhause angekommen brachte ich den Einkauf in die Küche und lief nach oben in mein Zimmer. „Jeremy, bist du da?“, rief ich und hämmerte an seine Tür. Wenn er Stöpsel in den Ohren hatte, dann würde er mich nie hören. „Bin ja hier“, knurrte er mich an. Dann öffnete er die Tür und stand mit zerzaustem Haar und Boxershorts vor mir. „Jeremy“, schrie ich erschrocken. Ich stemmte meine Fäuste in die Hüfte und stellte mich auf Zehenspitzen um wenigstens ansatzweise so groß zu sein wie er. Er wollte mir gerade die Tür vor der Nase zudrücken, denn er wusste was jetzt kam. Ich holte tief Luft und pustete sie wieder aus. „Keine Standpauke heute?“, fauchte er genervt. Ich schüttelte den Kopf. „Es ist nicht gut wenn du andauernd schwänzt.“, murmelte ich. „In einer Stunde gibt’s Essen.“ Er nickte. Dann zog ich mir meine Klamotten aus und schlüpfte in den übergroßen Pulli meines Dads und in kurze Shorts.
Singend packte ich die Einkaufstaschen aus und machte die Pfanne heiß als es klingelte. „Jeremy, machst du bitte die Tür auf? Ich steh am Herd“, rief ich. Beeindruckenderweise kam er sogar die Treppe herunter gepoltert und öffnete die Tür. Natürlich immer noch nicht angezogen. Ich verdrehte die Augen. Wenn das jetzt Tante Sue ist, die manchmal nach dem Rechten schaut bin ich geliefert. Aber es war nicht Tante Sue. „Guten Abend Schönheit. Ich dachte, wir kochen zusammen, aber offensichtlich konntest du nicht warten.“, hörte ich eine Stimme hinter mir und fuhr herum. „Woher weißt du wo ich wohne?“, fragte ich verdutzt. Beinahe wären meine Pfannkuchen angebrannt. „Du wolltest mich beim Vanillepuddingkochen nicht dabei haben?“, fragte er mich gespielt enttäuscht. Ich seufzte. „Wie heißt du überhaupt?“, fragte ich, während ich ihm die Teller in die Hand drückte. „Nate und du?“ Er verstand meine unfreundliche Geste und deckte liebevoll den Tisch. „Hast du Servietten?“, fragte er. Ich lachte. „Das sind Pfannkuchen und wir sind übliche -3 – Sterne-Köche. Übrigens heiße ich Sam.“ „Schön, dich endlich kennenzulernen, freche Sam.“ Ich funkelte ihn an. Dann grinste er und holte sein Päckchen Vanillepudding aus einer Tasche. „Ach, du isst mit?“, murmelte Jeremy auch nur halb interessiert während er sich auf seinen Platz schob. „Deckst du bitte den Tisch mit?“, knurrte ich meinen geistig zurückgebliebenen Bruder an. „Du hättest ihm die Tür nicht unbedingt öffnen müssen“, zischte ich Jeremy als Nate mit dem Vanillepudding beschäftigt war ins Ohr. Doch dieser zuckte nur mit den Schultern. „Ich habe noch nie Vanillepudding gekocht, hier probier mal ob es schmeckt“, Nate schob mir den Holzlöffel mit dem heißen Pudding in den Rachen und ich hustete. „Schmeckt“, röchelte ich und fächerte mir kalte Luft in den Rachen. Er strahlte und ich verdrehte die Augen. Als wir am Tisch saßen schob Nate seine linke Hand unter den Tisch und fummelte an meinem Oberschenkel herum. Ich funkelte ihn an. Na warte, du intrigantes Arschloch, dachte ich insgeheim und fuhr mit meinem Fuß unauffällig zwischen seine Beine durch und stellte ihn wieder auf den Boden. „Nate, was hältst du davon?“, fragte Jeremy gerade. Um welches Thema es ging hatte ich durch meinen lauten inneren Monolog nicht mitbekommen. Plötzlich verschluckte sich Nate an seinem Pfannkuchen und hustete. Ich grinste in mich hinein. Diesmal war er der, der mich anfunkelte.
Nach dem Essen huschte Jeremy in sein Zimmer und ließ mich mit Nate allein. „Das war nicht fair.“, er grinste mich an. „Aber wenn du das Bedürfnis noch einmal hast, dann bitte, wenn wir allein sind“ Fassungslos starrte ich ihn an. Unglaublich! Dann musste ich lachen. „Soll ich das noch spülen?“ fragte er, kam auf mich zu und legte die Arme so auf die Arbeitsplatte, dass ich nicht mehr wegkam. Dann schaute er auf den Stapel Geschirr, der auf der Spüle lag und verdrehte die Augen. „Ich könnte dich natürlich auch ins Bett tragen und dich massieren“, bot er zwinkernd an. Ich schüttelte lachend den Kopf. „Ich glaube, es wäre besser wenn du nun gehst.“, grinste ich. Enttäuscht schob er seine Unterlippe nach vorne. „Das ist keine gute Idee“, jaulte er. Gerade als ich ihn zur Tür schieben wollte, hob er mich hoch. „Und was machst du jetzt?“, fragte er mich. Gespielt empört schaute ich ihn an. „Ich kann beißen.“, drohte ich ihm. Er lief mit mir in mein Zimmer. „Wenigstens ins Bett kann ich dich doch bringen. Danach gehe ich auch ganz fix nach Hause“, versprach er. Ich lachte. Dann schob ich ihn zur Tür und er verabschiedete sich mit dem Versprechen, sich gleich morgen früh bei mir zu melden. Mit einem eingemeißelten Dauergrinsen legte ich mich ins Bett und schlief ein. Am nächsten Morgen schälte ich mich gequält aus dem Bett. Ich hatte so schön geträumt und musste meine Laune durch die Schule zerstören lassen. In der Klasse saß Ryan schon auf seinem Platz und schmierte mit seinen Schweißfingern Radiergummifitzel vom Tisch. „Hallo Sammy-dammy“, grunzte er. „Hey Ryan. Na, wie war dein Nachmittag, hast du schon für Mathematik gelernt?“, antwortete ich und ein glitzern fand sich in seinen Augen wieder. „Nein, und du? Mein Nachmittag war ruhig, ich hab ein bisschen gezockt. Und deiner?“ „Lust heute schwimmen zu gehen?“, fragte ich, während meine Aufmerksamkeit von zwei Jungs vor der Fensterscheibe beansprucht wurde. Er keuchte erschrocken und wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. „Mit dir, im Ernst? Ja natürlich. Aber du musst auch kommen.“ Dann wand ich mich wieder ihm zu. Nate kannte Jake wohl. Das war alles. „Ja klar komme ich auch. Um drei Uhr am Schwimmbad?“ Er nickte eifrig und kritzelte den Rest des Tages Zeichnungen in seinen Block.
„Du hast dich mit Schweißfußryan zum Schwimmen verabredet?“, fragte mich Jake ungläubig. „Nenn ihn nicht so“, knurrte ich. Gut, Schweißfußryan war nicht die allerbeste Wahl aber ich brauchte eine Ablenkung für heute Nachmittag um meinen Plan durchzuführen und er war der einzige, der sowieso nie etwas vorhatte und mit Sicherheit kommen würde. Und seit dem ich Jake und Nate zusammen auf dem Schulhof gesehen hatte, war ich mir sicher, eine Verabredung mit Jake wäre eher nachteilhaft. Jake wartete trotzdem auf eine Rechtfertigung. Und ich ließ ihn warten.
„Na, warum denn nun?“, drängelte er.
„Ich mag ihn“, log ich.
Er lachte. „Lüg mich nicht an.“, zischte er.
Plötzlich hatte er mich gegen die Spinde gedrückt und stemmte sich an ihnen ab, wie Nate am vorherigen Abend an der Arbeitsplatte nur dass ich mich bei Nate wohler fühlte. Ich wusste nichts zu sagen und knurrte Jake nur verächtlich an.
„Lass mich in Ruhe.“
„Wenn du mir die Wahrheit sagst.“
„Ich mag ihn!“
„Tust du nicht“ Er kam mir bedrohlich nahe. Ich funkelte ihn an.
„Verschwinde!“, plötzlich schubste Ryan Jake zur Seite und mit dem Rücken direkt gegen die Spinde. „Lass sie in Ruhe, wenn sie das sagt. Hast du mich verstanden?“, dann hob er ihm am Kragen hoch und ließ ihn fallen. „Sag mal, hast du sie noch alle du schweißüberströmtes Riesenmonster?“, brüllte Jake. „Danke, Ryan. Das war echt Rettung in letzter Sekunde. Lass uns hier verschwinden“, bedankte ich mich hastig. Am Nachmittag traf ich mich also mit Ryan beim Schwimmen. Ich hatte mich auf die große Picknickdecke gelegt, die er mitgebracht hatte und schloss die Augen. Eine Weile lang grunzte Ryan noch neben mir, dann wurde es leiser. Er war sicherlich schwimmen. Als er triefend nass wieder kam, keuchte er. „Danke für die Einladung“, murmelte er. „Ich gehe gern mit dir schwimmen“, antwortete ich. Und es war nicht einmal gelogen. Ryan war zwar nicht besonders schlank oder hübsch und er war meiner Meinung nach sehr ungepflegt, aber gemein oder verletzend war er nicht, ganz im Gegensatz zu Jake, der sich heute wirklich idiotisch benommen hatte. „Weißt du, ich war noch nie mit einem Mädchen schwimmen.“, flüsterte er. Darauf wusste ich nichts zu antworten und stattdessen ließ ich mir die warme Sonne durch die Augenlider scheinen.
Als ich am Abend unsere Wohnung betrat hörte ich zum ersten Mal wieder irgendeinen Ton aus Jeremys Zimmer, auch wenn ich auf diesen gern verzichtet hätte. Man hörte nie etwas von Jeremy, außer wenn er Besuch hatte. Und auch diesen Abend hatte er Besuch, den ich am nächsten Morgen in der Küche kennenlernte. Der Besuch war blond und machte sich grad an unserem Kühlschrank zu schaffen. Als sie mich sah, wie ich müde und verschlafen einen Schluck kalte Milch ergatterte, quietschte sie auf. „Dich kenne ich doch! Du bist die Freundin von Ryan, stimmt‘s?“ Ich verdrehte genervt die Augen. Wie schnell sich so etwas herumspricht, dachte ich insgeheim. „Nein, sind wir nicht.“, murmelte ich desinteressiert und immer noch verschlafen. Dann zuckte sie nur mit den Schultern und schnappte nach einer Sahnespraydose. „Woah, was habt ihr damit vor?“, fragte ich angeekelt und bei dem Gedanken, dass Jeremy sich nicht gerade selten von solchen Schlampen verwöhnen ließ wurde mir übel. Ich werde in diesem Haus nie wieder Kuchen mit Sahne essen können. Sie zwinkerte mir nur zu und tippste die Treppe wieder hoch.
Am Nachmittag packte ich meine Klamotten zusammen, denn morgen früh würde sich unsere Klasse und eine Klasse aus der höheren Stufe zu einem See aufmachen, an dem wir eine Nacht lang zelteten. Ich war grundsätzlich nicht wirklich der Zelttyp und der Gedanke, gerade mit meiner Klasse zelten zu gehen war eher abschreckend als einladend. Wir fuhren mit dem Bus eine Weile Richtung Norden und ich hatte im Bus noch geschlafen. Irgendwann hielt der Bus und ich wurde geweckt. „Na, Prinzessin? Sieht wohl so aus, als würden wir die nächsten zwei Tage miteinander verbringen können“, säuselte jemand und tippte mir auf die Nase. Müde öffnete ich die Augen und nahm den Kerl vor mir wahr. „Nate, was machst du denn hier?“, keuchte ich beinahe erschrocken. „Seine Klasse macht einen Klassenausflug, genau wie unsere“, lachte Jake und nahm Nate in den Schwitzkasten. „Brüderchen, nachher wirst du kräftig gedöppt.“, antwortete Nate. „Ihr seid Brüder?“, nun klang ich tatsächlich erschrocken und das war ich auch. Wie können Brüder denn so verdammt unterschiedlich sein? „Ja, Jake ist mein kleiner Bruder. Ich wusste nicht, dass ihr euch durch die Schule kennt.“, antwortete Nate gelassen und hüpfte aus dem Bus. Ich stolperte hinterher. Brüder? Dachte ich immer noch fassungslos. Deshalb waren sie zusammen auf dem Schulhof gewesen. Aber.. war Nate dann genau so idiotisch wie sein geistig zurückgebliebener Bruder?
Nachdem wir die Zelte aufgebaut hatten wurden wir verteilt. Ich schlief mit Casey, Jen und Zoey in einem Zelt. Ich lief zum See, während die Anderen in den Abend hinein feierten und setzte mich ins kühle Gras. Außenseiterin. Ausgestoßene. Seuchenvogel. Halbtote. Tausend Wörter schossen mir durch den Kopf und ließen sich von der dröhnenden Musik nicht übertönen. Dann war ich eben eine Zeit lang krank gewesen. Und niemand schien sich an mich erinnern zu können. Oder irgendeine Meinung zu mir zu haben. Außer Ryan. Doch Ryan saß mit am Lagerfeuer und ließ sich niedermachen. Darauf trank er und er würde am Ende des Abends betrunken am Lagerfeuer liegen und grunzen, wie er es immer tat. Und Jake war ein Idiot. Das hatte ich ja schon festgestellt. Und Nate? Tja, was war er? Er war der einzige, bei dem ich so krasses Bauchkribbeln hatte, dass ich das Gefühl hatte, schreien zu müssen. Da war nur die Angst vor dem, was nach dem Bauchkribbeln kam, das alles kaputt machte. Ich zupfte an einem Grashalm herum und ließ das ein oder andere Mal ein Stein in den See plumpsen. Dann ließ ich mich nach hinten fallen und starrte in den nachtschwarzen Himmel. Kann es nicht so etwas geben wie einen Prinzen, der egal was man macht immer zu einem hält und einen beschützt? In Märchen.. in Märchen.. ich schloss die Augen und schlief ein. Als ich wach wurde war ich darauf gefasst gewesen, eingefroren zu sein. Aber es war kuschelig warm und ich drückte meinen Kopf an die Brust, an der ich lag. Fremde Arme zogen mich noch ein Stückchen weiter zu sich und ich hörte gleichmäßiges, ruhiges Atmen. Dieses Atmen beruhigte mich. Als ich ein zweites Mal in der Nacht aufwachte schrak ich hoch und schaute verwirrt auf die Person neben mir. Beim ersten Mal dachte ich, es sei ein Traum aber dieses hier schien offensichtlich wahr zu sein. Ich versuchte aus dem fremden Zelt zu klettern, in dem die Jungs der höheren Klasse schliefen, als ich bemerkte, dass ich kaum etwas anhatte. Ich schnappte mir meine Klamotten und sprang hinaus direkt vor Ryans Füße.
„Was hast du denn gemacht?“, fragte er entgeistert.
„Du bist wach?“, zischte ich.
Er nickte. Im schwachen Licht sah ich seine blonden Haare und sein schweinsrosa Gesicht. Dann zog er mich hoch, damit ich mich anziehen konnte.
„Guck weg“, knurrte ich und augenblicklich schwang er mit seinem Kopf herum.
„Tut mir leid“, murmelte er.
Als ich angezogen war setzte ich mich neben ihn.
„Ich dachte, du seist betrunken“, flüsterte ich.
Er schüttelte den Kopf. „Ich trinke schon seit einigen Monaten nicht mehr.“
Dann nickte ich. Das wusste ich nicht, aber ich war mir sicher, die anderen wussten es auch nicht. Niemand interessierte sich wirklich für ihn. Genauso wie für mich. Hatte Nate mit mir geschlafen? Mir wurde schwindelig und ich kippte nach hinten rüber. „Sam? Sam?“, hörte ich Ryan zischen. Mir wurde schwarz vor den Augen und alles drehte sich. Ich hatte keine Chance, den Himmel und diese Bilder zu unterscheiden, sie waren gleichermaßen verwirrend und plötzlich krabbelte ich ins nächste Gebüsch und übergab mich. Ehe ich mich versah hatte ich zwei Lehrerhände an mir, die mich hochzogen und zurück zum Lager führten.
„Was ist passiert?“, hörte ich Nate fragen. Ich ließ meinen Kopf schwach nach hinten fallen und dabei wurde mir noch übler. Aber ich konnte ihn nicht halten. Ich stank fürchterlich. Glücklicherweise wurde mir Wasser gegeben, dass ich gierig trank und mich verschluckte. „Geh weg Nate“, hörte ich Ryan knurren. „Ryan, ich bitte dich.“, fing Nate an. Dann wurde er weggezogen und Ryan hiefte sich in das Zelt hinein. Wenigstens übertünchte er meinen Gestank. „Kann ich ihn allein sprechen?“, keuchte ich atemlos und deutete auf Nate. Ryan verstand warum und kletterte wieder hinaus. Wütend starrte er Nate noch einmal an, der verunsichert und sichtlich verwirrt ins Zelt kam.
„Alles in Ordnung bei dir, Prinzessin? Ich habe Sorgen gemacht, du warst so plötzlich weg und...“, fing er an. „Hast du mich geschwängert?“, unterbrach ich ihn und allein bei dem Gedanken wurde mir erneut übel. Unsicher lachte er. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte er mich. Schwach drehte ich mich auf meine linke Seite und schloss die Augen. „Ich bin neben dir aufgewacht“, antwortete ich ruhig. Aber in mir kämpfte Übelkeit gegen Wut und gegen Bauchkribbeln. Ein einziges Chaos, dachte ich. Dann strich er mir über meine Stirn, die noch ziemlich nass war. „Du bist auf der eiskalten Wiese eingeschlafen und ich habe dich gewärmt. Du wärst doch sonst erfroren.“, jetzt wirkte er ebenso ruhig. „Dein Bruder ist ein Arschloch.“, ich versuchte ihm irgendwie meine Zweifel klar zu machen aber es klang so verwirrt und hilflos, dass ich diesen Satz am liebsten zurück genommen hätte. Außerdem wäre er sicherlich beleidigt. Aus Neugier öffnete ich die Augen und bekam gerade noch Nate‘s Nase zu Gesicht. Dann küsste er mich. „Ich stinke“, knurrte ich. Er strich mir erneut über die Stirn. „Ich liebe dich, kleine Kratzbürste“, flüsterte er. Dann funkelte ich ihn gespielt wütend an. „Bin ich nicht“ antwortete ich trotzig. Er legte sich neben mich und ein weiteres Mal in dieser Nacht kuschelte ich mich an seine warme Brust.
Zuhause angekommen ließ ich mich auf mein Bett fallen und überlegte, was letzte Nacht alles passiert war. Meinte er das ernst? Oder lag Verlogenheit in der Familie? Während ich unter der heißen Dusche stand, schon gefühlte drei Stunden, klopfte es. „Du hast Besuch“, rief Jeremy. Ich hatte gerade mein Handtuch umgewickelt, da klopfte es noch einmal. Die Tür wurde einen Spalt geöffnet und es schob sich ein Vanillepäckchen durch den Türspalt. Daran klebte ein Zettel.
Liebe geht durch den Magen. Und ein sehr hungriger Prinz bittet um einen gemeinsamen (Koch-)Abend! ♥
Ich musste lachen und öffnete die Tür ganz. Wie konnte ich die ganze Zeit über so unglaublich dumm sein? Ich fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Ich suchte, doch ich hatte meinen Prinz doch schon lange gefunden!
Kommentare
Es gibt 7 Kommentare zu dieser Geschichte
Twity-Autor schrieb am 19.05.2011 um 19:12 Uhr folgenden Kommentar:
Liebe Ane! Herzlichen Dank für Ihre Info. Das freut mich wirklich sehr. :-) Ich wünsche ihrer Schülerin weiterhin viel Erfolg und drücke ihr fest die Daumen. Es ist schön zu wissen, daß es Schüler gibt, die sich für Gedichte begeistern können. Bitte richten Sie ihr unbekannterweise herzliche Grüße von mir aus, das hat sie wirklich fein gemacht. :-) Ihnen wünsche ich ebenfalls alles Gute und verbleibe mit herzlichen Grüßen - Twity-Autor.
Ane schrieb am 19.05.2011 um 18:40 Uhr folgenden Kommentar:
Lieber Twity-Autor,
Sie gaben mir vor einiger Zeit die Genehmigung, das Gedicht \"Der schwarze Falter\" mit meiner Klasse zu lernen. Das Gedicht kam bei den Schülern sehr gut an und eine Schülerin meiner Klasse hat damit den 2. Platz beim Rezitatorenwettstreit unserer Schule belegt. Nun vertritt sie uns demnächst sogar bezirklich. Ist das nicht auch ein großer Erfolg für Ihr Gedicht?!!
Nochmals vielen Dank!
Ich schau, wenn es die Zeit erlaubt, wieder mal auf Ihre Seite!
Beste Grüße
Twity-Autor schrieb am 05.04.2011 um 19:41 Uhr folgenden Kommentar:
Sehr geehrte Frau Michaelis,
lieben Dank für Ihre Anfrage. Das ehrt mich natürlich sehr! Sehr gerne dürfen Sie dieses Gedicht für Ihren Unterricht verwenden. Bei dem Gedanken muss ich einwenig schmunzeln. Schrieb ich doch in meiner Kindheit einst Fabeln. Und meine "armen Mitschüler" mussten sich damals im Literaturunterricht auch mit meinen Ergüssen beschäftigen... :-) Herzliche Grüße und viel Spass im Unterricht wünscht Twity-Autor.
Anemone Michaelis schrieb am 05.04.2011 um 18:42 Uhr folgenden Kommentar:
Lieber Dichter / Twity-Autor,
ich suchte nach schönen Gedichten zum Thema "Natur und Mensch" und stieß bei der Recherche auf Ihres. Wenn Sie mir Ihre Zustimmung geben, würde ich es gern meine Schüler lernen lassen.
Gabi schrieb am 30.03.2011 um 12:36 Uhr folgenden Kommentar:
Wunderbar.
Natürlich werden Sie benannt.
Es wird am Ende auch ein Autorenveerzeichnis geben mit Kontaktdaten, Internet usw., wer dazu Angaben machen will.
Ich freue mich immer über Ihre Gedichte :-)
Die sind so schön beschwingt...
Schöne Grüße und eine sonnige Restwoche
Gabi
Twity-Autor schrieb am 30.03.2011 um 11:44 Uhr folgenden Kommentar:
Guten Tag liebe Gabi,
herzlichen Dank für den Besuch und das Lesen! :-) Mit freundlicher Genehmigung dürfen Sie dieses Gedicht in Ihrem Buch veröffentlichen, wenn der Autor benannt wird. Sonnige Grüße- Twity-Autor!
P.S. Dieses Gedicht finden Sie auch unter: http://gedichte.xbib.de - Die Deutsche Gedichtebibliothek - ohne Pseudonym!)
Gabi schrieb am 30.03.2011 um 08:07 Uhr folgenden Kommentar:
kurz, knackig, toll.
Ich würde das Gedicht gerne in unserem Buch veröffentlichen, das wir im Herbst rausbringen...
EIn Künstler würde es illustrieren.
Bitte um die Erlaubnis dazu.
Ich wünsche einen schönen Frühlingstag.
Gabi