Flammen brennen alles aus
von LaAoha aus der Kategorie Geschichten über Menschen
Eine junge Frau stand mit dem Rücken zur Straße und betrachtete mit leerem Blick das Haus vor ihr.
Sie wurde sich ihrer Selbst erst nach ein paar Sekunden bewusst, und doch konnte sie den Blick nicht von dem Schauspiel abwenden, obwohl das Licht des riesigen Feuers vor ihr sie blendete. Da ist ein Haus in Flammen, stellte sie nüchtern fest und schloss die Augen vor dem Licht. Sie sah das Flackern der Flammen auch durch ihre geschlossen Lider und wusste irgendwoher, dass das nichts Gutes war. In ihr machte sich ein unangenehm zwickendes Gefühl breit, fast wie schlimme Magenschmerzen. Wo bin ich überhaupt? , durchbrach die erste Frage ihren leeren Geist, gleich gefolgt von einer zweiten. Wer bin ich überhaupt? Sie riss die Augen erschrocken auf, als sie in ihrem ansonst völlig leeren Geist keine Antwort fand.
Sie sollte sich eigentlich darüber im Klaren sein, wer sie war, das war ihr bewusst. Genauso wie sie wissen sollte, wo sie war und warum sie hier draußen im Bademantel stand und nach Rauch stank. War ich etwa dort drin? Sie wandte den Blick zu nichts bestimmten und verkrampfte ihr Gesicht, während sie sich daran zu erinnern versuchte, in welcher Situation sich gerade befand.
Das Kind, das hinter ihr auf dem Boden saß, beachtete sie dabei kaum.
Sie dachte nicht daran, dass in dem Gebäude möglicherweise Menschen waren, die sie kannte und ignorierte das Schreien der Nachbarn um sie herum. Stattdessen richtetete sie ihre Aufmerksamkeit auf das, was sich in ihrem Kopf befand. Oder sich vielmehr nicht dort befand. Das, was sie fand, war reines Faktenwissen. Ich sollte Menschen kennen. Ich sollte wissen, wer ich selbst bin. Ich sollte wissen, wer sich in diesem Haus befindet. Ich sollte wissen, warum ich nichts mehr weiß!
Sie knirschte mit den Zähnen, gab die Suche nach Erinnerungen auf und nahm die ganze Situation in sich auf. Um sie herum, auf dem Bürgersteig, auf der Straße, standen Leute, oder eher sprangen Leute in heller Panik auf und ab.
Sie kümmerte sich jedoch nicht weiter um die Leute, sondern beobachtete das kleine Kind, das die ganze Zeit hinter ihr gesessen hatte. „Na wer bist du denn?“, entkam es ihrer trockenen Kehle und sie hob den Kleinen vom Boden auf.
„Es ist nicht gut, sich dem Feuer so auszusetzen, weißt du?“, sprach sie mit ihm, während er sie aus seinen kleinen Augen ernst anguckte.
Dann schien er zu beschließen, dass sie kein Monster war und kuschelte sich in ihre Armbeuge. Sie fand es seltsam, wie vertraut ihr dieses Gefühl vorkam. „Sehen wir mal zu, dass wir von hier wegkommen. Das hier ist kein Ort für dich, Kleiner“, redete sie weiter mit ihm, auch wenn sie wusste, dass er sie nicht verstand. Kleine Kinder können so etwas nämlich nicht, meldete sich ihre eigene Stimme aus den Tiefen ihres Verstandes, während sie dem Feuer den Rücken zukehrte und langsam davonging. Dass sie einen Bademantel anhatte, hatte sie längst vergessen.