Falsche Freunde
von martintin aus der Kategorie Roman
[...]
Ich ging an mein Fenster, um zu schauen, ob man Franziska schon sehen konnte.
Sie hatte gerade angerufen, und gesagt, dass sie bei mir vorbeikommen wollte, einfach nur so, um meine Wohnung anzuschauen. Es war ja schließlich schon etwas länger her, dass sie das letzte Mal hier gewesen war.
Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, vor dem großen Bürohaus, sah ich auf einmal Franziska rennen. Mich wunderte, dass sie rannte, und vor allem, dass sie parallel zur Straße entlang rannte. Und obendrein schlug sie jetzt noch die falsche Richtung ein!
Dann erst fiel mir auf, dass zwei Männer hinter ihr her rannten. Mein Herz begann, durchzurasen, unwillkürlich griff ich in meine Tasche, wo mein Handy war.
An der Ecke angekommen, die durch einen großen Blumenkübel markiert wurde, stieß sie mit einem ebenso blonden Mädchen zusammen, und beide knallten der Länge nach auf den harten Beton der Bürgersteigplatten.
Ich stutzte. Ich sah doppelt. Ich zwickte mich ins Ohr, doch das half nichts, nichts hatte sich an der Situation geändert.
Dann erst dämmerte mir, dass die Neue in unserer Klasse genau so aussah wie Franziska.
Ich versuchte, die Gesichter der Beiden voneinander zu trennen, es gelang mir aber nicht.
Mittlerweile war eine der Beiden aufgestanden, und in dem Grünzeug verschwunden, welches in Massen vor dem Hochhaus wuchs.
Mittlerweile hatten auch die zwei Männer die Ecke erreicht. Sie zerrten das Mädchen brutal hoch, schlugen sie, und schrieen auf sie ein. Mir blieb das Herz stehen. Schließlich rissen sie ihr ihre Tasche von der Schulter, schmissen sie ins Grünzeug, schlugen ihr noch einmal ins Gesicht, sodass sie rückwärts ins Gebüsch taumelte und dort liegen blieb. Die zwei Männer entfernten sich so schnell wie sie gekommen waren, und waren Sekunden später von meinem Zimmer aus nicht mehr zu sehen.
Das war zu viel. Ich sprang in meine Ballerinas, schnappte mir den Wohnungsschlüssel, und lief die Treppe herab.
Ich hatte Glück, dass die Ampel über die Straße gerade grün war.
Kaum eine Minute später war ich vor dem Bürogebäude und konnte Franziska, immer noch im Gras liegend, ausmachen, die sich gerade wieder berappelte.
Ihre Lippe war geplatzt, eine blutende Schramme zierte ihre linke Wange, zudem war auch noch ihre rechte Augenbraue knallrot angelaufen.
„Mein Gott, was ist passiert?!“, schrie ich, während ich sie hoch zog.
Kaum merklich schüttelte sie ihren Kopf, und schnappte nach Luft.
Aus meiner Rocktasche zog ich ein Taschentuch, damit versuchte ich notdürftig, das Blut abzutupfen, und die Lippe abzudichten.
Plötzlich stand Larissa neben mir. Sie sah geschockt aus. „Es tut mir Leid, wirklich, das ist alles meine Schuld!“, stotterte sie.
„Wie… was … „, entgegnete ich verwirrt. Ich verstand die Welt nicht mehr. „Aber du hast doch gar nichts damit zu tun!“
„Doch, eine lange Geschichte, aber nicht hier …“
Eine Menge von Schaulustigen hatte sich um uns gebildet.
Ich verdrehte die Augen. „Können sie bitte hier weg gehen? Hier ist nichts Schlimmes passiert!“, sagte ich laut in die Menge.
Sofort konterte die Meute. „Natürlich, die junge Dame blutet!“ „Man muss sie fassen, diese Dreckskerle.“ „Auf offener Straße, mitten am Tag!“ „Sie brauchen einen Krankenwagen!“
„Und ich bin alles Schuld!“, flüsterte Larissa leise.
Wie gerufen hielt quietschend ein Rettungswagen neben uns auf dem Bürgersteig. Ihm folgte eine Streife. Jemand musste sie gerufen haben.
Der Notarzt bahnte sich ein Weg durch die Menge, und sah sich Franziska genauer an. Der Polizist versuchte unterdessen, die Schaulustigen von uns zurückzudrängen.
Um erst einmal von hier wegzukommen, führte der Notarzt Franziska zu seinem Wagen, Larissa und ich versuchten, Blickschutz zu geben.
Erst im Krankenwagen waren wir vor neugierigen Blicken geschützt.
„Es ist weniger schlimm als es aussieht.“, sagte der Notarzt. „Aber was ist hier passiert?“
Da Larissa unter Schock stand, antwortete ich: „Keine Ahnung. Zwei Männer haben ohne sichtbaren Grund auf sie eingeschlagen. Ich hab das zufällig aus meinem Zimmer gesehen. Das Ergebnis sehen sie ja.“
Der Arzt brummte und begann, die Wunden Franziskas zu desinfizieren.
„Alles meine Schuld!“, flüsterte Larissa erneut.
„Red dir nicht ein, du seiest das Schuld! Das waren die beiden Idioten!“, sagte ich ihr leise ins Ohr.
„Ich denke, das heilt jetzt von alleine, sie braucht nicht mehr ins Krankenhaus.“, meldete sich der Notarzt zurück. „Ich brauche aber noch ihre Daten.“
Ich diktierte sie ihm, und als ich fertig war, klopfte der Polizist an die Tür des Krankenwagens.
„Ich hoffe, es ist nichts allzu ernstes.“, eröffnete er das Gespräch und drehte sich zu dem Arzt.
Dieser schüttelte seinen Kopf.
„Ich habe die Zeugen gefragt, was sie gesehen hatten. Herausgekommen ist aber nicht wirklich etwas Zählbares. Sie sprachen nur von zwei Männern, die auf einmal auf sie eingeschlagen haben, anscheinend ohne Grund.“ Er schaute Franziska an, die, immer noch benommen, auf der Liege saß.
„Ich hab sie gesehen, als sie Larissa hinterher gerannt sind, aber dann Franziska angegriffen haben.“, sagte ich, „Ich blicke da selbst noch nicht ganz durch.“
„Vielleicht eine Verwechslung?“, stellte der Polizist grübelnd fest. „Die zwei sehen sich ja wirklich ziemlich ähnlich!“
Ich drehte mich zu Larissa um, die sich halb hinter mir versteckt hatte. Sie sah ängstlich aus. Hing das vielleicht doch mit ihr zusammen? Ich musste unbedingt mit ihr sprechen, aber nicht hier und nicht jetzt.
Da keiner was sagte, ergriff der Polizist wieder das Wort: „Kannten sie denn die Männer?“, fragte er, und drehte sich erst Franziska, dann Larissa, und schließlich mir zu.
Franziska schüttelte leicht den Kopf, auch Larissa sagte nein, und dass ich sie nicht kannte, wusste er ja bereits.
„Merkwürdig!“ Der Polizist kratzte sich an den Bartstoppeln.
„Sie waren nicht viel größer als ich, trugen beide Lederjacken und Jeans. Und sie hatten beide kantige Gesichter, so osteuropäisch oder so. Und der immer nur der eine hat gesprochen. Aber auf ner Sprache, die ich nicht verstanden hab!“, sagte Franziska monoton.
Ich merkte, wie Larissa neben mir rot wurde. Und mir wurde endgültig klar, dass der Angriff Larissa und nicht Franziska gegolten hatte. Zum Glück war der Polizist mit Franziska beschäftigt, und bemerkte den Wechsel Larissas Gesichtsfarbe nicht.
Verflixt, ich wollte weg von hier, ich wollte sie schützen, denn ich merkte, dass sie panische Angst hatte.
Als ob mich der Polizist gehört hatte, bemerkte er, dass er hier nichts mehr machen konnte, und er den Rest auf der Wache machen musste. Dort würde er dann auch eine Anzeige gegen Unbekannt erstellen, erstmal ohne Phantombild.
„Ich wünsche ihnen Gute Besserung!“, sagte er schließlich zu Franziska, die sich zu einem Lächeln hinziehen ließ.
Schließlich entließ man uns aus dem Krankenwagen.
Glücklicherweise hatte sie die Meute der Schaulustigen aufgelöst.
„Larissa, keine Panik, wir gehen jetzt zu mir, und da erzählst du mir, was geschehen ist!“
Franziska und ich nahmen Larissa in unsere Mitte, überquerten die Straße, und schlichen uns in mein Zimmer. Der Rest meiner Familie war glücklicherweise nicht da.
Ich zog die Vorhänge in meinem Zimmer zu, und wir ließen uns auf meinem Bett nieder.
„Als du eben von den Schlägertypen geredet hast, ist ihr Gesicht knallrot geworden, und sie hat angefangen, vor Angst zu zittern.“, sagte ich zu Franziska, und sprach dann zu Larissa gewand: „Ich glaube einfach, dass da etwas faul ist an der Sache, und ich möchte gerne mehr wissen.“
Schüchtern blickte mich Larissa an. „Ich kann nicht. Sie werden mich töten!“ Ich sah, wie die ihr Tränen in die Augen kamen. „Es war ein großer Fehler, nach Deutschland zu gehen!“
Ich wechselte einen Blick mit Franziska.
„Du kannst uns vertrauen, wir werden niemanden davon erzählen, wenn du es nicht willst, aber ich brauche die Vorgeschichte, denn ich will dir helfen!“
„Das wurde mir schon so oft gesagt. Und so oft hat man mich belogen!“ Sie schaute auf. „Ich bin euch nicht böse, aber ich vertraue Niemandem mehr.“
„Hör zu!“, sagte Franziska, nahm sie in ihre Arme, und redete ihr gutmütig zu: „Es hätte noch viel mehr passieren können, wenn es dunkel gewesen und niemand mehr auf der Straße gewesen wär. Die Schläge, die ich abbekommen habe, waren auch nicht von schlechten Eltern, damit hätten sie mich unter Umständen auch umbringen können!“ Franziska atmete tief durch. Im Zimmer war es still, ich wartete Larissas Reaktion ab. Diese schaute jedoch zu Boden ohne etwas zu sagen. „Du alleine hättest niemals eine Chance gegen diese Schläger, und auch ich will dir helfen, zumal ich ja eigentlich schon mitten drin hänge. Und auf Paula ist auch absolut Verlass! Und das schwöre ich dir!“
Larissa blickte wieder auf. Erst schaute sie in mein Gesicht, dann in Franziskas. Sie sagte nichts. Sie schien zu überlegen, ob sie uns nun trauen konnte oder nicht.
Irgendwie konnte ich sie ja nachvollziehen. Ich hätte auch nicht einem Menschen, den ich gerade Mal drei Tage kannte, meine komplette Lebensgeschichte erzählt.
„Ich weiß echt nicht, ob ich euch trauen kann.“
Nochmal wechselte ich Blicke mit Franziska.
Ich wollte sie aber nicht drängen. Ich fände es nur wahnsinnig schade, wenn sie uns auch nicht vertrauen würde.
Abermals nahm Franziska sie in die Arme. „Ich habe noch eine Bitte.“ Erwartungsvoll schaute sie in Larissas Augen. „Ich will nicht, dass du dir Vorwürfe machst, dass du das eben Schuld gewesen wärst. Das ist totaler Unsinn. Schlag dir das aus dem Kopf. Es war einfach nur ein dummer Zufall!“
Plötzlich schlang sie sich um Franziska, und weinte hemmungslos los.
Ich schaute sie verdutzt an, sagte aber nichts. Das war immerhin schon einmal ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Anscheinend begann sie langsam, Vertrauen zu fassen.
Langsam beruhigte sie sich. „Mein Leben besteht einfach nur aus verdammt vielen Lügen, mein Leben ist eine einzige, riesige Lüge!“, schluchzte sie.
[...]
(07.2009)
Kommentare
Es gibt 2 Kommentare zu dieser Geschichte
Cosmopolitain schrieb am 11.09.2011 um 23:21 Uhr folgenden Kommentar:
Danke für dieses Kommentar =)
Leider wurde dieses Gedicht zu einer Zeit geschrieben als ich selbst keine Hoffnung hatte und generell verfasse ich eher diese Art von Gedichten,wobei hoffnungsvollere Gedichte garnicht mal so schlecht wären^^
Aber viele Dank für dieses Kommentar
Ursula Schittenhelm schrieb am 04.09.2011 um 23:17 Uhr folgenden Kommentar:
Ein Gedicht, das nahegeht, weil es so hoffnungslos klingt. Man spürt die erlebte Enttäuschung. Sehr eindrucksvoll geschrieben. Jetzt fehlt dazu noch ein Gedicht, das Mut macht.