Einmal rohe Spaghetti für zwei
von Ramiye aus der Kategorie Drama Geschichten
Es war kalt auf den Rathausstufen und längst Zeit für die Menschen, in ihre Häuser unter die warmen Decken zu kriechen und zu warten, dass die Nacht vorübergeht und man wieder hinaus in die Welt treten konnte. Aber sie saß immer noch auf dem großen Platz, wo sich erst am Mittag noch hunderte von Menschen angesammelt hatten, um ihre Ration Nahrung abzuholen. Emmas Paket Essen lag unberührt auf dem harten Stein. Nicht einen Blick hatte sie darauf geworfen, obwohl sich ihr Magen seit gestern beinahe sechsmal so krampfhaft zusammengezogen hatte, dass sie das Gefühl hatte, der Magen suchte sich durch den Hals den Weg ins Freie. Aber er tat er nicht. Und Emma rührte ihr Päckchen nicht an. Die Luft wurde unerträglich kalt, genau wie in den letzten Nächten und der Wind krabbelte ihr unter ihre alte Lederjacke.
Im selben Moment jagte ein junger Mann mit seinem Motorrad durch die Nacht. Auch er dachte nicht daran, sich vor einen warmen Kamin zu legen. Er war auf der Suche und wusste gleichzeitig, dass seine Suche vergebens war, denn das, was er suchte, hatte er vor Jahren verloren.
Emma streckte ihre Finger aus um zu sehen, ob sie noch lebten. Ihr war das eigentlich ziemlich egal, sie hatte es ihrer kleinen Schwester versprochen. Zu berichten, wie es ist, wenn man stirbt. Denn genau das hatte sie vor. Sterben. Vor ein paar Tagen hätte sie sich vor dem Tod sicherlich noch gefürchtet. Aber vor ein paar Tagen war vor ein paar Tagen und jetzt war jetzt und heute würde sie sterben. Wieder traten grausame Bilder in ihren Kopf und sie drückte die Augen zu. Aber das hielt ihre Erinnerungen nicht davon ab, ihr noch einmal alles, was in den letzten Tagen passiert war, vorzuspielen. Gequält keuchte die junge Frau auf.
Er schüttelte den Kopf, hielt den Lenker des Motorrades ganz gerade und raste auf eine Kurve zu. Würde er es schaffen, den Lenker gerade zu halten? Er war auf der Suche, aber die Suche war zwecklos. Das wusste er ganz genau, dem war er sich ganz sicher. Die Häuser rasten an ihm vorbei. Eine Eiche stand am Rande der Kurve. In die würde er schießen, wenn er verdammt noch mal nur den Lenker gerade hielt. Die Kurve kam näher, erschreckend Nahe. Im letzten Moment riss er das Lenkrad nach links, hielt an einem der Straße grenzenden Feld und übergab sich. Heiße Tränen der Wut stiegen in ihm hoch, die er verzweifelt versuchte zu verdrängen. Denn ein Mann weinte nicht, so war das nun einmal. Er musste sich zusammenreißen. Er hätte es noch einmal versuchen können, aber nun war die Motivation verschwunden wie morgendlicher Nebel und er machte sich auf den Heimweg. In der Innenstadt angekommen sah er das Mädchen auf den Rathaustreppen liegen. Beim näher herantreten an das junge Mädchen fiel ihm die blau gewordene Haut auf. Besonders im Gesicht und an den Händen. In ihm krampfte sich etwas schmerzhaft zusammen. Sie stirbt, fuhr es ihm durch den Kopf. Dann flog sein Blick von der Frau zu seinem geliebten Motorrad und wieder zurück. Er seufzte. War sie wie er? Wenn sie so war, wie er behauptete, dann war sie um ein wesentliches stärker. Denn er hatte in letzter Sekunde umgelenkt. Sie schien sich ihrer Sache tausendmal sicherer zu sein. Während er den Krankenwagen rief und das schwache Mädchen in seiner Jacke einhüllte, fragte er sich, welchen Beweggrund sie gehabt haben mochte und ob ihrer vielleicht noch schlimmer gewesen ist. Emma bekam von der Rettungsaktion nichts mit.
Ihre Gedanken waren glasklar und nur auf wenige Menschen fixiert. Auf Caroline, ihre kleine Schwester. Sie waren immer mehr als Schwestern gewesen. Man konnte beinahe behaupten, sie seien Seelenverwandt. Sie hatten sich immer alles erzählt und sich gegenseitig zugehört, auch bei unangenehmen Themen, wovon Emma wesentlich mehr hatte, als die kleine, brave, noch unerfahrene Caroline. Bald bin ich bei dir, flüsterte Emma in Gedanken. Noch war sie nicht so weit. Sie spürte ihren Körper nicht mehr, aber der Geist war durchaus lebendig und noch mit dem Körper verbunden. Gleich ist es vorbei. Dann werden wir wieder zusammen sein. In ihrem Kopf war außer Caroline noch ihre wunderbare Mum, die sich für alles und jeden eingesetzt hatte. Und zum Schluss war dort Grandma. Ihre gute, alte Grandma, die die besten Pfannkuchen der Welt buk. Gegen Emmas Willen spürte sie Wärme, die sie umhüllte und war schon fast davon überzeugt, dass sie nun tot sei.
"Sie wacht auf", jubelte eine Stimme, die sich eher wie ein undefinierbares Blubbern anhörte. Sie war schrill und Emma konnte sie keinem Menschen zuordnen, den sie kannte. Eine große warme Hand strich über ihre Stirn, über die nassen Haarsträhnen, die ihr im Gesicht klebten und über ihren Kopf. Emma öffnete den Mund um zu fluchen. Verdammt, sie wollte doch sterben. Welcher Idiot hatte sie davor bewahrt. Doch aus ihrer Kehle kam lediglich ein leises Stöhnen. Sie fürchtete sich insgeheim die Augen zu öffnen und der Welt ins Gesicht zu blicken, die sie so unglaublich hasste. Sie hasste nämlich jeden. Im Hintergrund ihrer Gedanken hörte sie eine Krankenschwester reden. Flirtete sie? Ihre Stimme hatte so einen erotischen Unterton. Und wenn ja, mit wem? Und dann hörte ich seine Stimme. Warm, wie seine Hand. Ich versuchte nun doch die Augen zu öffnen, nur um zu sehen, wer dort neben ihr saß. Nur einmal ganz kurz, schwor sie sich. Und dann blinzelte sie. Zuerst sah sie niemanden. Das Licht stach ihr in die Augen und alles blendete sie. Erst nach einer Weile, die Krankenschwester und der mysteriöse Mann mit der unglaublichen Stimme unterhielten sich immernoch miteinander, nahm ich ein typisches Krankenhauszimmer wahr. Weiße Wände, minzfarbene Einrichtung, der Geruch von Desinfiktionsmittel.
Der junge Mann nickte geduldig, beantwortete noch so jede kleine und unwichtige Frage der Krankenschwester und grinste ununterbrochen. Doch das einzige, was er sich wünschte, war, dass das Mädchen ihre Augen öffnete und er mit ihr sprechen konnte. Es war nun nicht mehr nur der Drang, dem Mädchen das Leben zu retten. Nur wusste er nicht, was ihn momentan dazu bewegte, seit Stunden nur darauf zu warten, dass sie aufwachte. Der Blick der Krankenschwester flog zu dem Bett in dem das Mädchen lag und viel zu schnell wieder auf ihn. Sie ist wach, dachte er und das Grinsen wurde echt. Dann drehte er sich um und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Ihre Augen glitzerten, beinahe ängstlich. Natürlich, sie sah ihn grad zum ersten Mal. Sie fragte sich sicherlich, wer er war und das machte ihn nervös. Und dass er nervös war, das machte ihn wütend. Noch nie hatte es ein Mädchen geschafft, ihn dermaßen nervös zu machen. Er hielt ihr die Hand hin. "Mein Name ist Raphael." Sie bemühte sich, ihm die Hand zu geben, gab es allerdings schließlich auf und murmelte nur leise "Emma". Er nickte. Sie war so wunderschön.
Raphael, wiederholte sie in Gedanken noch einmal. Ihr graute es insgeheim, alles auf der Welt zu hassen, denn mit allem war auch er gemeint. "Würden sie uns allein lassen?", fragte Raphael die Krankenschwester freundlich. Sie nickte, funkelte Emma allerdings wütend an, als er sich wieder zu ihr gedreht hatte. "Was machst du hier?", fragte Emma. Sie versuchte ihre Beine zu bewegen. Und ihre Arme. Sie stöhnte.
Kommentare
Es gibt einen Kommentar zu dieser Geschichte
Shäbbie schrieb am 12.12.2011 um 16:50 Uhr folgenden Kommentar:
Oh mein Süßlie, die Geschichte ist toll!
Ich finde nur, dass die Überschrift irgendwie noch nicht richtig dazu passt, aber der Rest ist spitze!
Schreib schnell weiter!
lg