Ein Leben lang gefangen

von Milian aus der Kategorie Geschichten zum Träumen

Ein Leben lang gefangen

Ich vergieße eine Träne und ich vergieße sie aus Trauer.
Es weht ein frischer Wind und mich durchfährt ein Schauer.
Doch er ist nur von kurzer Dauer,
denn nach dem Wind, folgt der Regen, und er ist bitterkalt.
Er zwingt mich in die Knie, Es ist eine höhere Gewalt.
Und ich versuche ihr zu trotzen, doch es gelingt mir nicht.
Der Regen wird zum Schnee, und meine Gelenke frieren ein.
Ich erfriere, alles wird Eis und ich bin hart wie Stein.
Doch ich kann denken, irgendwie bin ich doch noch am Leben,
hinter einer Eisschicht siehst du meine Augen flehen, kannst du es sehen?
Ich warte bis die Sonne wiederkommt, und diese Eiswand schmilzt,
doch nichts geschieht.
Ich sehe Menschen an mir vorbeilaufen, ich will was sagen,
doch meine Lippen bewegen sich nicht. Die Welt dreht sich.
Ich sehe Häuser wachsen, und Städte entstehen,
nur ich bin hier noch eingefroren, kann mich denn keiner sehen?
Und da, ich sehe meine Frau an mir vorbei gehen,
sie hat meinen Sohn an der Hand,
als ich ihn das letzte Mal sah, war er ein Baby,
ich bin sein Vater, doch ich bin fort aus seinen Leben,
denn ich kann mich hier nicht fortbewegen,
kann mich denn kein Mensch sehen?
Sie sind schon fast vorbei, meine Frau sieht traurig aus,
möchte sie streicheln, doch meine eisige Hand bewegt sich nicht,
warum rettet ihr mich nicht?

Nun sind schon Jahre vergangen, ich habe keinen Hunger
Und auch kein anderes verlangen,
Mein Sohn ist schon groß und wird zum Mann,
Meine Frau wird immer älter, und ich vermisse den Klang,
ihrer lieblichen Stimme,
ich bin hier gefangen und bleib hier auch drinne.
Die Sonne geht auf, Die Sonne geht unter,
die Sterne funkeln, doch mein Herz wird nicht Munter,
ich zähle die Tage, schon weit über Hundert, weit über tausend,
Weitere Jahre vergehen, und ich muss sehen,
Meine Frau hat Falten und ihre Haare sind Grau meliert,
Bei mir verändert sich nichts, denn das Eis lässt mich nicht altern,
ich sehe noch genauso aus, wie damals, als ich hier erfroren bin.
So viel Zeit hier im Eis, denn auch mein Sohn hat schon ein Kind,
ein wunderschönes Mädchen, schade, denn sie wird mich niemals kennen lernen,
denn ich glaube, ich bleibe hier bis in die Ewigkeit und werde nicht mehr wiederkehren,
es tut mir so leid,
mein Schatz und mein Sohn, ich war nicht dabei,
doch ihr fragt euch schonlang nicht mehr, wo ich bleib,
habt ihr mich schon vergessen? Du mit Sicherheit Sohn,
du konntest mich nie richtig kennen lernen,
doch meine Frau, ich bin sicher, dass du jetzt gern bei mir wärst,
denn du hast in all den Jahren nie einen anderen geliebt,
in dir hat die Hoffnung gesiegt,
dass ich noch mal wiederkehre,
doch ich muss dich enttäuschen, ich denke, dass ich das niemals werde.

Noch so viele Jahre mehr vergehen, und doch, auf einmal kann ich die Sonne sehen,
sie scheint tagelang auf mich herab,
es wird wärmer, ist heute tatsächlich der Tag,
ich spüre Luft an meinen Fingerspitzen, sie zittern,
mein Herz beginnt zu schlagen, das Eis schmilzt.
Mein Kopf wird frei, die Haare nass, total verfilzt,
Mein erster Atemzug nach all den Jahren,
ich kann kein Wort sagen,
ich breche zusammen, bin von Kopf bis Fuß durchnässt,
das Leben ist zurück, dabei dachte ich, dass es mich auf ewig verlässt.
Farbe kommt in mein Gesicht, habe zwar noch keine Kraft,
warum nur, hat das Schicksal so was mit mir gemacht?
Nun völlig aufgetaut, bin ich jetzt frei,
nach all den Jahren, kommt es mir nicht so vor, als wenn es keine Realität sei.
Ich habe mitgezählt, 62 Jahre sind vergangen,
mir wird angst und bang,
ich müsste jetzt 85 Jahre alt sein, doch sehe aus wie 23,
Die Kälte und das Eis hielten mich Jung, und machten mich nicht ranzig,
nun ist die Sehnsucht noch großer, ich will zu meinen Sohn und vor allem zu meiner Frau,
ich lauf so schnell ich kann, zu unseren alten Haus,
in der Hoffnung, dass sie noch immer da leben
ich klopfe wie verrückt, der Nachname an der Tür ist wie meiner, ich bin richtig,
ein Mann, vom der Erscheinung älter als ich, macht auf und sagt zu mir
“Ich hoffe es ist wichtig“
„Das ist es, wahrlich, denn du bist mein Sohn“ er lacht, schaut auf mich herab voller Hohn,
er erkennt mich nicht, und will mich fortschicken, ich kann nur bitten
„wo lebt meine Frau, lebt deine Mutter hier?“
„Ja das tut sie, mit meiner Familie und mir.“
„Aber sie ist alt und braucht Ruhe, ich kann keine Fremden reinlassen“
Ich kann es nicht fassen,
Ich flehe „bitte nur eine Sekunde“, es fühlt sich an wie eine tiefe Wunde.
Als Tränen von meinem Gesicht rinnen, wird mein Sohn schwach,
er gibt nach und ich geh herein,
ich gehe zu unserem alten Schlafzimmer, da wird sie wohl sein,
ich öffne leise die Tür, sie sitzt auf einen Stuhl, sie so alt und ich so jung,
ich geh auf sie zu, so aufgeregt und doch völlig stumm,
Ich stehe vor ihr und fall auf die Knie,
sie schaut auf mich herab und spricht
„ich wusste dass du kommst, doch dachte ich so spät nie“
Ich streichle ihr übers Gesicht, es ist nicht mehr Glatt, ich geh ihr übers Haar, es ist trocken und Grau, doch sie ist es, meine Frau.
„Ich bin gekommen, es tut mir so leid, dass ich nicht bei dir war“
sie sagt mit leiser Stimme „Ist jetzt nicht Wichtig, denn du bist ja da“
Unser Sohn schaut und steht fassungslos dar.
Meine geliebte Frau bittet ihn heraus,
und nun brechen auch bei ihr, die Tränen aus.
Sie hat nicht gefragt, wo ich war und warum, und deshalb war ich stumm und hab nichts gesagt.
Sie sagt:„Du bist endlich gekommen, keinen Tag hab ich gezweifelt, dich noch mal zu sehen, nun kann ich nach all den Jahren endlich schlafen gehen“ Sie legte sich behutsam auf das Bett,
sie ist so zerbrechlich, meine Geliebte Frau, so lieb und nett.
Ich leg mich zu ihr, schließ sie tief in meinen Arm,
sie schläft schnell ein, und trotz aller Falten erkenne ich,
dass es mein geliebtes Mädchen von damals ist und war.
Nun bin ich endlich bei ihr und für diese Nacht ist die Zeit im Stillstand,
ich bin noch bis tief in der Nacht wach,
dann schlaf auch ich endlich ein,
am nächsten Morgen ist meine Frau tot, und nun werde ich noch mal ein Leben lang alleine sein, und im Himmel werden wir uns wieder sehen,
dann für ewig, werde ich sie in meine Arme nehmen.


Kommentare

Es gibt 3 Kommentare zu dieser Geschichte

Maja12 schrieb am 17.11.2010 um 17:01 Uhr folgenden Kommentar:
wow....das ist echt schön. ich mag die letzte zeile :)


Irina schrieb am 12.11.2010 um 23:29 Uhr folgenden Kommentar:
Danke, die meisten meiner Geschichten sind auf wahre Begebenheiten (meiner Seits) zurück zu führen, um so spannender ist das ganze.


Fey schrieb am 30.07.2008 um 17:02 folgenden Kommentar:
Deine Geschichte ist wirklich herzergreifend.... :) Besonders das Ende....

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