Die Pekingente
von Winfried Neumann aus der Kategorie Weihnachten
Die Pekingente
- eine Weihnachtsgeschichte -
Es war am ersten Weihnachtsfeiertag, als ein etwas älterer Herr ein chinesisches Restaurant betrat. Zielgerichtet ging er auf einen ganz bestimmten Tisch zu und nahm dort Platz. Anscheinend war er hier öfters zu Gast, denn der Ober begrüßte ihn wie einen guten alten Bekannten und nahm auch gleich seine Bestellung entgegen. Eine Speisekarte brauchte er nicht, denn wie jedes Jahr zu Weihnachten, kam nur eine Pekingente mit Thüringer Klößen in Frage. Bei der Auswahl des dazu passenden Weines ließ er sich vom Ober beraten. Aus den Lautsprechern erklangen leise Weihnachtsmelodien. Alle Tische waren mit Tannengrün und Kerzen festlich geschmückt. Nachdenklich saß er an seinem Tisch. Seine Gedanken gingen zurück, zurück in eine Zeit, als er Weihnachten noch mit seiner Familie glücklich zusammen war. Doch seine Frau war bereits vor einigen Jahren verstorben und seine Kinder lebten im Ausland, weit weg von unserem Kontinent Europa. Das Schicksal hatte es nicht gut mit ihm gemeint. Traurig ist er deshalb nicht, doch etwas wehmütig schon. Doch diese zwei Stunden hier sollten sein Weihnachten sein.
Gestern zum Heiligabend war ihm Freude zuteil geworden. Zwei kleine Kinder, die im gleichen Haus wie er wohnten , hatten ihn besucht. Anne und Alwin kannte er schon seit ihrer frühesten Kindheit. Sie kamen gerne zu ihm und er erzählte ihnen dann Geschichten und macht ihnen gelegentlich auch kleine Geschenke. So war es gestern zum Heiligabend auch wieder gewesen. Strahlende Kinderaugen – wie sehr können sie eines Menschen Herz erwärmen. Ja, warum kann die Liebe nicht immer und überall gegenwärtig sein?
Plötzlich wurden seine Gedanken unterbrochen. „Ist bei ihnen noch ein Platz frei?“ Er hörte zwar diese Worte, doch waren sie an ihn gerichtet? Er hob langsam seinen Blick. Dann erkannte er, daß eine Frau, etwa in seinem Alter, vor seinem Tisch stand und diese Worte an ihn gerichtet waren. „Selbstverständlich, nehmen sie doch bitte Platz.“ Die Frau setzte sich ihm gegenüber. Sie schwieg, denn sie merkte sehr wohl, daß sie ihn aus einer ihr unbekannten Gedankenwelt heraus gerissen hatte. Eigentlich hatte er ja nichts dagegen, wenn er etwas Gesellschaft an einem solchen Tag wie heute, erhielt. Aber im Moment fehlte ihm einfach die Stimmung dazu und so war er froh, als der Ober ihm sein Essen brachte. Jetzt gab sie ihre Bestellung auf und wünschte ihm gleichzeitig einen guten Appetit. Er bedankte sich höflich. Als er sein Mittagsmahl beendet hatte, kehrten seine Gedanken langsam in die Gegenwart zurück. „Haben Sie den gestrigen Tag gut verbracht?“ fragte er unvermittelt seine Tischnachbarin.. „Oh doch, ich war bei meinen Kindern eingeladen und meine Enkelkinder haben mir viel Freude bereitet.“ Plötzlich, so empfand sie, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Habe ich etwas falsches gesagt?“ „Nein, nein es ist schon gut, meine Gedanken waren plötzlich bei meinen Enkelkindern, die ich nur von den Fotos her kenne.“ Jetzt brachte der Ober ihre Bestellung an den Tisch und wünschte guten Appetit. Als sie ihre Mahlzeit beendet hatte, holte er sein Ziggarrenetui aus seiner Jackentasche und fragte im gleichen Moment: „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich mir nach solch einem wunderbaren Essen eine Zigarre anstecke?“ „Aber nein, mein Mann rauchte auch Zigarren als er noch lebte und ich mochte diesen besonderen Duft, wenn er den Raum durchzog.“ Als er im Begriff war, die Spitze seiner Zigarre abzuschneiden, mußte er feststellen, daß kein Aschenbecher auf dem Tisch stand. Er winkte nach dem Ober und dieser erklärte ihm nun, daß seit einiger Zeit ein Rauchverbot für dieses Lokal bestehen würde. Dies sei keine Festlegung des Hauses, sondern ein Gesetz zwinge den Betreiber des Restaurants dazu, so zu verfahren. Er bitte vielmals um Vergebung. Die Frau merkte ihm die Enttäuschung an. Ganz langsam, fast andächtig, nahm er mit seinen Fingern die Zigarre vom Tisch und führte sie an seiner Nase vorbei, um ihren Duft in sich aufzunehmen. Es war wie ein Ritual, das sie von ihrem Mann auch kannte. Schade, aber nicht zu ändern. Mit diesen Worten steckte er die Zigarre wieder in sein Etui. Das Gespräch kam jetzt so langsam in Gang und die Frau spürte, daß er das Bedürfnis hatte, sich mitzuteilen. Schließlich erhoben sie sich von ihren Plätzen und verließen das Lokal. Als sie auf die Straße traten, fielen weiße Flocken leicht und leise vom Himmel auf die Erde herab. Es war, als wollten sie die Welt ein wenig erhellen und den Menschen eine Botschaft der Liebe und des Friedens überbringen. Über beider Gesichter huschte ein begreifendes Lächeln. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch,“ so sprach sie ihn jetzt an, „damit es Ihnen morgen zum Mittag nicht genau so wie heute geht, lade ich sie zum Mittagessen ein und anschließend können Sie ihre Zigarre mit Genuß, ohne irgendwelche Verbote rauchen. Der Weg zu mir ist nicht weit, denn ich wohne hier in diesem Haus.“ Er schaute sie an und sagte nur: „Wie schön, daß es Weihnachten gibt.“
Kommentare
Es gibt 2 Kommentare zu dieser Geschichte
Nenner schrieb am 29.11.2010 um 16:19 Uhr folgenden Kommentar:
Liebe Heike,
das du bei mir liest, ist was dich ehrt.
Doch mein Gedichte sind deiner schönen Kommentare nicht wert.
Liebe Grüße
Nenner
lachende Elfe schrieb am 29.11.2010 um 15:12 Uhr folgenden Kommentar:
Oh doch! Denn wenn auch alte Themen
wir Dichter ständig übernehmen,
wird kein Gedicht so wie Deines sein.
Denn jeder legt seine Seele hinein.
Drum horch: Was Deine Seele spricht,
möchte ich hier vermissen nicht!
Doch recht hast Du: Es ist nicht immer leicht,
ein Thema zu finden, dass das Herz noch erreicht.
Deiner inneren Stimme folge stets!
Auch hier beim Dichten. Ja, so gehts!
Ganz liebe Elfen-Adventsgrüße,
Heike