Der Tag des schwarzen Pullovers
von Taylie Black aus der Kategorie 2. Weltkrieg
Hanna wachte auf, um sie herum herrschte Dunkelheit und doch wusste sie, dass die Sonne schon hoch am Himmel stand. Sie rieb sich die Augen und gähnte.Eine Spinne fiel von ihrem zerrissenen Pulli und kullerte auf den kalten Beton. An Spinnen hatte sich Hanna längst gewöhnt. Überall im Keller waren sie zu finden. Manchmal dachte sich Hanna Namen für sie aus und ließ sie dann auf ihrer Hand entlang kriechen.
Sie setzte sich auf und versuchte sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Schon nach wenigen Sekunden konnte sie die schattenhaften Umrisse des alten Regals und der kaputten Waschmaschine entdecken. Sie richtete sich auf und klopfte den Staub von ihren Kleidern. Langsam schlurfte das Mädchen zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Sie lugte vorsichtig hinaus und vergewisserte sich, dass niemand auf der Straße entlang ging.
Hanna schlüpfte hinaus und schloss die schwere Eisentür mit einem Quietschen hinter sich. Sie sprang die drei Stufen der Treppe hinab und sah sich vorsichtshalber noch einmal um. Niemand war zu sehen. Hanna richtete den Blick zu Boden und ging langsam die Straße entlang. Sie spürte jeden noch so kleinen Stein unter ihren Füßen, denn ihre waren so abgetreten, dass die Sohle nur noch eine dünne Gummischicht war. An der einen Seite waren sie sogar aufgerissen und hinten klaffte ein großes Loch.
Hanna ging an der Kreuzung vorbei und zuckte unwillkürlich zusammen. Ein leises Jammern drang an ihre Ohren. Sie ging ein paar Schritte zurück und bog in die Seitengasse ein. Mit gespitzten Ohren folgte sie den klagenden Rufen. Erst als sie an der alten Fabrik ankam, konnte Hanna das kleine Mädchen sehen, dass ihr manchmal folgte. Mit leisen Schritten näherte sich Hanna ihr, um sie nicht zu erschrecken. Es hob den Kopf, als sie Hanna hörte. Leila hieß es, wenn Hanna sich richtig erinnerte. Leilas Gesicht war eingefallen und wurde von verfilzten, dunkelbraunen Locken umrahmt. Ihre großen Augen traten unwirklich weit hervor und über ihre hohle Wange zog sich eine klaffende Wunde. Schmutz hatte sich darin eingefangen und gelblicher Eiter trat an manchen Stellen hervor.
Das kleine Mädchen streckte seine dünnen Ärmchen nach Hanna aus. Hanna brach bei diesem Anblick fast das Herz. In den großen Augen des Mädchens stand Hoffnung und Angst zugleich und Hanna konnte sich nicht überwinden, einfach weiter zu laufen. Sie kniete sich zu Leila hinunter, so dass sie auf gleicher Augenhöhe mit ihr stand.
"Hunger...", wimmerte das Mädchen und schaute Hanna flehend an.
"Tut mir leid, aber ich habe nichts zu essen", meinte Hanna leise. In die Augen der Kleinen traten Tränen.
"Weißt du was? Ich werde uns beiden was zu essen suchen. Irgendwo muss man ja etwas auftreiben können", versuchte Hanna sie leise zu beruhigen. Das Mädchen nickte scheu und stand zögernd auf. Als sie versuchte zu gehen, schwankte sie und fiel hin.
"Am besten, du bleibst hier. Wenn ich wieder da bin, nehm ich dich mit in den Keller, in dem ich schlafe", versprach Hanna ihr. Dann stand sie auf und winkte dem Mädchen kurz zu. Die arme Kleine, dachte Hanna, auch sie hat niemanden, der sich um sie kümmert. Hanna lief an der Bäckerei vorbei, in der ein Deutscher arbeitete. Hier wollte sie nicht um Essen betteln. Sie lief schnell weiter und kam an einem kleinen Allerlei-Laden vorbei.
Hanna fragte den Verkäufer nach ein bisschen Essen, doch der Mann wies drohend mit dem Finger auf sie und sagte, er könne hier nichts verschenken. Im nächsten Laden, einer Metzgerei, wurde Hanna mit einem Tritt wieder hinaus befördert. An einem kleinen Eckladen schlug man ihr die Tür vor der Nase zu.
Erst beim nächsten Laden war man freundlich zu ihr. „Tut mir leid, Kleine. Aber wir hier in der Bäckerei haben selbst kaum etwas zum Überleben. Jeder Pfennig den wir verdienen, ist kostbar für uns. Ich würde dir gerne etwas geben, aber leider kann ich das nicht. Tut mir wirklich leid.“ Hanna machte ein enttäuschtes Gesicht und drehte sich wortlos um. Eine alte Frau, die schon hab zur Tür hinaus war, kam noch einmal zurück. „Warte kurz, meine Liebe“, sagte sie und bestellte noch ein Pfund Brot. Sie drückte es Hanna in die Hand und lächelte gutmütig.
Die alte Frau bedeutete ihr zu folgen und machte sich mit Hanna auf den Weg zu einer kleinen Schneiderei. Die Frau bedeutete ihr sich hinzusetzen und wühlte in einer Kiste. Sie holte einen schwarzen Pullover und einen Mantel hervor.
„Hier, die Sachen müssten dir passen“, meinte sie und half Hanna sich umzuziehen. Hanna lächelte. Sie freute sich schon auf Leilas Gesicht, wenn sie mit dem Brot kommen würde. Sie lief zur Tür hinaus und hastete den Weg zur alten Fabrik zurück. Erst an de Metzgerei ging ihr die Puste aus. Sie lief langsam weiter. Seit langer Zeit war ihr endlich wieder warm. Sie würde auch niemals mehr alleine sein, wenn sie Leila mit sich nahm. Sie wurde so fröhlich bei dem Gedanken, dass sie glücklich vor sich hin pfiff. Sie schlenderte die Straße entlang und betrachtete die schönen Kleider, die in den Schaufenstern standen. Wenn sie Geld hatte, würde sie Leila eins davon kaufen.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Stiefelschritte waren zu hören und lachende Stimmen von Deutschen. Hanna versteckte sich schnell hinter einer Mülltonne. Die Deutschen waren nun so nah, dass sie hören konnte, was sie sagten. „Kommt da so eine kleine dahergelaufene Jüdin und bettelt um Essen… Und wie die einen angesehen hat!... Ich hasse dieses Judenpack!... Und hast du gesehen wie die geflennt hat, als ich sie getreten habe?...Ja, klar!... Und dann hab ich meinen Schlagstock rausgeholt und…“ die Stimmen verklangen.
Hanna wurde schwarz vor Augen. Übelkeit machte sich in ihr breit. Ihr Herz hämmerte wie verrückt und sie versuchte verzweifelt sich einzureden, dass die Männer nicht Leila gemeint hatten. Sie sprang auf und sprintete Richtung alte Fabrik. Sie bog in die Seitengasse ein und rannte an eingeschlagenen Fenstern und Sprenglöchern vorbei.
„Nein!“, schrie sie und fiel wie betäubt auf die Knie. Vor ihr in einer Blutpfütze lag Leila, totenblass und ihr Gesicht war von roten Striemen durchzogen. In ihren leeren Augen spiegelte sich das blanke Entsetzten. An ihrem Hals war das Blut bereits getrocknet, doch immer noch trat frisches Blut aus einer Wunde am Kopf. Hanna nahm ihre Hand. Sie war eiskalt. Heiße Tränen liefen Hanna übers Gesicht und vermischten sich mit dem herab fallenden Regen. Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, als sie einen Entschluss fasste. Es konnte nur Sekunden gedauert haben, aber wahrscheinlich Minuten oder sogar Stunden. Hanna hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie hob Leila auf und trug sie in eine Nische hinter einem knorrigen Baum. Dort legte sie sie nieder und zog ihren neuen Pullover aus. Sie breitete ihn über Leila aus und trat ein Stück zurück. Wie ein Leichentuch lag der schwarze Pullover über ihr und trotzdem hatte Hanna das Gefühl etwas sei noch nicht richtig. Sie brach ein Stück von dem Brot ab und legte es Leila in die Spindeldürren Finger. „Hier Leila, ich hab dir etwas zu essen mitgebracht.“ Hanna schrieb mit dem Finger Buchstaben in den Sand: Sie hat gekämpft bis zu Schluss.
Hanna drehte sich um und lief zurück auf die Straße. Von hier aus konnte man Leila nicht sehen. Hier wird sie also ruhen, unter einem alten Baum, dachte Hanna. Mit schweren Schritten und gebrochenem Herzen machte sie sich auf den Weg zurück zum Keller. Und ja, dachte sie, Leila hat gekämpft bis zum Schluss.
Kommentare
Es gibt 4 Kommentare zu dieser Geschichte
Vanessa schrieb am 25.07.2011 um 10:49 Uhr folgenden Kommentar:
Die Geschichte ist echt schön *___*
H.T. schrieb am 09.01.2011 um 16:12 Uhr folgenden Kommentar:
Es gibt Menschen, die können einen fabelhaft das Wort im Munde herumdrehen. Man muß sich regelrecht dafür entschuldigen, dass man atmet und lebt.
Wo bitteschön steht hier etwas von fröhlich und lustig?
Wenn mein Kommentar total daneben wäre, könnte ich es verstehen.
Mit frdl. Grüssen H.T.
Heegen schrieb am 09.01.2011 um 00:14 Uhr folgenden Kommentar:
Findest du den zweiten Weltkrieg etwa lustig? Findest du die Armut im Krieg lustig oder fröhlich? also ich finde dass an dieser Geschichte alles in Ordnung ist. Gut erzählt und gut zu lesen.
H.T. schrieb am 06.11.2009 um 20:38 Uhr folgenden Kommentar:
Warum so eine traurige Geschichte? LG. H.T.