Das Geheimnis der schwarzen Madonna Teil 3

von Hukwa aus der Kategorie Roman

Alexandras Mann verabschiedete sich, er müsse zur Arbeit in die Stadt. Der alte Graf und Alexandra hatten es plötzlich auch sehr eilig, so blieben, sie beide alleine in der Bibliothek zurück. Esther meinte sie sei gleich soweit, sie wolle nur noch schnell die Blumen auf dem Tisch auswechseln, schließlich seien sie schon angewelkt. Sie drückte ihm die Blumen in die Hand und holte einen neuen Strauß, denn sie auf den Tisch stellte. Er starrte auf die leicht angewelkten Blumen. „Ist was?" Fragte Esther. „Seltsam, ich finde sie so am schönsten, sterbend hauchen sie ihre Schönheit aus, als wollten sie uns mitteilen sie seien ein Teil der Ewigkeit, jener seltsamen Ewigkeit die nicht an Leben und nicht an Tod gebunden ist, finden sie nicht?" „Ich weiß nicht!" Meinte Esther die sich anscheinend inzwischen an die seltsame Art und Aussprüche ihres Gastes gewöhnt hatte. Sie meinte sie kleide sich noch schnell warm an dann könnten sie gemeinsam die Kapelle aufsuchen.
Rafael zog seine Jacke über und wartete auf Esther. Als sie beide nach draußen gingen begann es sanft zu schneien, sie liefen eine Zeitlang auf dem großen Schlossweg, dann schlug Esther einen schmalen, Waldpfad ein. Nachdem sie ungefähr eine viertel Stunde
gelaufen waren tauchte die kleine Waldkapelle vor ihnen auf ganz versteckt hinter starken Eibenbäumen. Die kleine Kirche war nicht nur von außen sondern auch von innen sehr schön, doch die Zeit, hatte ihre Spuren hinterlassen, hier musste tatsächlich restauriert werden. Rafael sah sich genau um. Nichts entging seinen Blicken.
„Schön sagte er, romantisch schön und doch... irgendetwas ist da, spüren sie es?" Dies sagte er wieder in seiner schon so oft angewandten Art, genau in dem Moment wenn man es nicht erwartet. „Wie meinen sie das nun schon wieder?" Fragte sie. „Wie ich es sagte,
Sie spüren es auch nicht wahr, deswegen kommen sie alleine nicht hierher!" Er sprach mit einer absoluten Bestimmtheit dann fuhr er fort. „Irgendetwas Böses hat sich hier eingeschlichen, es lauert hier, irgendwo hinter den Mauern, im Boden, es ist überall."
„Sie machen mir Angst, hören sie auf damit!" Rafaels Augen hatten einen seltsamen Schimmer, er ging auf Esther zu, sah sie an. Sie bekam plötzlich panische Angst vor diesem Menschen, der so unberechenbar war. Sie dachte daran fortzulaufen. „Sie brauchen nicht vor mir davon zu laufen Esther, Sie niemals!" Ihre Panik wurde stärker, es war als schnüre ihr langsam irgendetwas die Kehle zu, konnte dieser Mensch Gedanken lesen? Der nächste Schock kam sofort: „Ihre Gedanken sind sehr leicht zu lesen, liebe Esther?" Rafael sagte es ganz ruhig. Esther bekam immer mehr Panik: „Ich möchte jetzt gehen“ „gleich,“ sagte er, erst will ich noch nach was schauen. Er lief langsam auf den alten bemoosten Altar zu.
„Nicht " schrie Esther. Langsam drehte sich Rafael um, das Glimmern war noch immer in seinen Augen. Dann begann er wieder völlig normal zu sprechen. „Sie sagten vorher ich sei wahnsinnig, er lächelte dabei, erklären sie mir was sie unter Wahnsinn verstehen? van Gogh, einer der genialsten Maler die je gelebt haben, war angeblich wahnsinnig, Nietzsche, Hölderlin die unser abendländisches Weltbild prägten waren angeblich wahnsinnig, Nijinskij, der größte Tänzer, aller Zeiten vom Wahn besessen? Soll ich die Liste weiter aufzählen? Nein meine Liebe, das hat nichts mit Wahnsinn zu tun, diese
Menschen wurden in ein dunkles Verlies getrieben, von einer profanen unmenschlichen Gesellschaft. Vielleicht wäre auch Kafka wahnsinnig geworden, ich glaube es auf jedenfall.
Novalis welche Namen wollen sie noch hören. Genie und Wahnsinn, da gibt es keinen Unterschied, der Unterschied der liegt wo ganz anders, meine Liebe.“
Esther hatte immer noch Angst, sie sagte zu ihm: „Hören sie endlich auf, immer meine Liebe zu mir zu sagen, ich bin nicht ihre Liebe." Er trat ganz dicht an sie heran, griff ihr wie
gestern Abend sanft in das Haar, sah zärtlich in ihre Augen und sagte plötzlich mit absolut veränderter Stimme: „Leider ". Er sprach dieses leider sehr traurig aus. „Rafael, bitte lassen Sie uns gehen." „Natürlich wenn sie möchten, bitte." Sie verließen die alte Kapelle,
draußen angekommen holte Esther tief Luft, sie hatte tatsächlich Angst vor ihm bekommen. Langsam gingen sie zurück.



Er fragte sie plötzlich ob sie ihm ihre Hand gebe, sie sagte nichts, gab ihm einfach ihre
Hand. Er begann wieder zu sprechen. Dabei hielt er fest ihre Hand. Ich habe lange nach Ihnen gesucht Esther, zu lange fast und jetzt da wir uns wieder gefunden haben sollten wir nicht alles so leichtfertig aufs Spiel setzen. „Hören sie Rafael, ich mag sie sehr, aber ihre seltsamen Reden machen mir langsam Angst. Was soll das? Sie haben lange nach mir gesucht, wie lange und warum?" „Hundertfünfzig Jahre habe ich nach Ihnen gesucht, doch jetzt habe ich Sie ja endlich wiedergefunden, ich wusste es immer, dass ich Sie irgendwann finden würde!" Er sagte das ganz normal als spreche er über das Wetter.
Esther lachte: „Rafael hören Sie auf, mich andauernd zu erschrecken, mit ihren Märchen!"
"Das sind keine Märchen." Er blieb stehen, gleich neben ihnen stand eine große alte Eiche
er presste sie fest, aber ohne ihr weh zu tun an diesen Baum, sah sie an und sprach:
"Das leben ist ja nur ein Traum, seine Gestalten
wechseln zuweilen oft, dann selten oder nachts,... wir lernen bei
manchem Wechsel, manche schwinden auch
bei ihrer Wiederkehr mit wiederholtem Wandel
im Schein gewisser Ordnung und wo diese herrscht, da sehn
die Dinge wir als wirklich an, so stark
ist der Erinnerung Macht."

„Das war ein Gedicht von James Thomsons erinnern Sie sich?“ Sie sah ihn mit großen Augen an und schüttelte den Kopf. Da beugte er sich zu ihr ein wenig herab presste sie fest an den Baum und küsste sie leidenschaftlich, für einen kurzen Moment. Als er von ihr ließ, schien er selbst erschrocken. „Bitte Esther, entschuldigen Sie, es wird nie wieder passieren das verspreche ich Ihnen." Sie standen noch in der gleichen Haltung an dem Baum, Esther sah ihn an und sagte: „Schade, wirklich schade". „Wie meinen sie das?" „Nun, das Sie mit ihren Versprechen so schnell und unüberlegt sind". Jetzt begriff er was sie meinte. Er streichelte zärtlich ihre Wangen, sie legte ihre Hand um seinen Hals und zog ihn langsam zu sich, dann küsste sie ihn tief und innig. Danach sagte sie zu ihm: „Komm jetzt, lass uns gehen Rafael". Hand in Hand liefen sie Richtung Schloss, es begann stärker zu schneien.
Rafael sagte: „Esther, erzähle niemanden davon, es ist unser Geheimnis und das geht niemanden etwas an". Sie schaute ihn an und meinte: „Wenn du möchtest, ich habe keine
Probleme damit". Sie gingen in das Gebäude, betraten die Bibliothek, Esther fragte Rafael:
„Ich denke Ihnen wird ein Grog jetzt auch gut tun, ich werde uns einen zubereiten, bin gleich wieder da."
Sie saßen einige Zeit vor dem Kamin und genossen den heißen dampfenden Rum. Rafael meinte lächelnd ob sie ihn betrunken machen wolle. Zu seiner Verblüffung sagte sie ja und ging wieder kurz aus dem Zimmer um mit zwei neuen Gläsern des heißen Getränks aufzutauchen. Draußen hatte es sich inzwischen eingeschneit, eine weiße Schneeschicht lag über der Landschaft und der Mond spiegelte sich auf der weißen Schneedecke. Rafael holte seinen Skizzenblock und machte einige Skizzen, als würde er dies aus Langeweile tun. Esther saß ihm gegenüber, sie fragte, was er den zeichne. „Dich", kam die lakonische Antwort.
Er sagte, wenn er genügend Skizzen von ihr hätte, wolle er sie in Öl auf die Leinwand „bannen ". Für immer und ewig, meinte er lächelnd. Esther sagte: „Fang nicht schon wieder damit an." Erst jetzt bemerkte sie, dass sie ihn wieder geduzt hatte. Für irgendeine Anrede sollten wir uns langsam entscheiden, meinte Rafael. „Ja," sagte Esther „du hast recht." Und beide mussten lachen.

„Wo ist eigentlich dein Vater, Alexandra und ihr Mann?" Fragte Rafael. „Für zwei Tage zu Besuch bei einer Verwandten von uns in München.“Meinte Esther. „Dann sind wir beide ja zwei Tage ganz alleine im Schloss?" Sagte er lächelnd. „Ja" gab Esther zu Antwort. „Das klingt ja vielversprechend." „Wie meinst du das schon wieder?" „Einfach so, ich freue mich mit dir ein wenig alleine zu sein." „Tatsächlich?" „Ja". Während sie sich unterhielten, zeichnete er ununterbrochen. „Erzähl mir etwas über die Madonna?" „Warum, sie sitzt doch vor mir, du weißt mehr über sie wie ich." „Hör auf so zu sprechen, ich kann nachts schon nicht mehr schlafen, wegen dieser sonderbaren Geschichte." „Wenn du Angst hast, darfst du gerne bei mir schlafen." Meinte er. Sie schwieg. „Ach, ja, denn Schmidt – Rotluff zeigst du ihn mir?" „Vielleicht?" Meinte sie. „Heute Abend? „Heute Abend!" Sagte Esther. " „Und jetzt erzähl mir von der Madonna."
Er sah sie eine zeitlang an, dann erzählte er ihr von der schwarzen Madonna in der Kirche.
„Es war ein ganz normaler Auftrag, ich sollte eine Marienstatue in Frankfurt restaurieren.
Der ganze Auftrag wurde eigentlich telefonisch abgeklärt und ich begann Anfang Oktober mit der Arbeit. Anfangs fiel mir nichts auf, eine Arbeit wie ich sie schon oft verrichtet habe.
Kleine Steinmetzearbeiten, Malarbeiten und was halt bei einem solchen Auftrag alles anfällt.
Mit der Zeit bemerkte ich das irgendetwas mit der Madonna war. Es ist eine schlichte, aber wunderschöne Madonna. Es begann damit, dass sie mir mehrmals im Traum erschien, darauf legte ich nicht unbedingt eine besondere Bedeutung, ich habe einen sehr gesunden Bezug zu meinem Traumleben. Aber mit der Zeit, geschahen seltsame Dinge, die ich hier nicht alle aufzählen werde. Mir war klar, dass es eine besondere Marienstatue war. Ja und kurz vor der Beendigung meiner Arbeit geschah die Episode die du ja kennst, glaub mir es war wirklich so. Als ich hinterher, nach diesem Überfall, wieder an die Arbeit ging, sah ich mir die Madonna ganz genau an. Ich untersuchte sie bis ins kleinste Detail will ich mal sagen.
Das erste was mir auffiel war das sie viel älter sein musste als die Kirche selbst. Die ganze Gestaltung wies daraufhin, das es sich um ein romanisches Kunstwerk handelte, das man vor vielleicht 2oo Jahren übermalte. Gestaltung und Farbe passten irgendwie nicht zusammen. Die obersten Gesetze der Romanik waren Klarheit und Einfachheit. Alles Verworrene und Unklare wurde restlos ausgeschieden. Genau so hatte der Schöpfer dieser Madonna sie in Stein gehauen. Eindeutig romanisch. Aber die Malerei passte überhaupt nicht mit der Gestaltung überein. Also untersuchte ich sie und bemerkte alsbald das es sich um eine übermalte, wahrscheinlich sehr alte schwarze Madonna handelte."
„Schwarze Madonna, was meinst du genau damit?"
Rafael erzählte weiter: „Der Kult der schwarzen Madonna gehört zu den ältesten Menschen bekannten Kulten überhaupt. Ihr Kult entstand in Europa ungefähr im 10. und 13. Jahrhundert, ein Jahrhundert in dem die ursprünglichen weiblichen Energien von der Kirche aufs härteste unterdrückt wurden. Hexenverfolgung und so weiter. Der Grund der
Verehrung der schwarzen Madonna ist vor allem jener, dass nur sie es ermöglichte, all die heidnischen Traditionen in den christlichen Glauben zu integrieren ohne sie zu verfälschen.
Wenn man sich nun das Phänomen, das sich um die Schwarze Madonna aufgebaut hat verstehen will, muss man sich immer vor Augen halten, dass wir es hier mit der letzten Epoche der westlichen Zivilisation zu tun haben, in der das weibliche noch einen Stellenwert für sich hatte. Diese Glaubensvorstellungen entstanden aus vorchristlichen Kulturen keltischer und anderer heidnischer Muttergottheiten. Schwarze Madonna wird sie genannt weil ihr Antlitz, ihre Hände und ihre Füße immer schwarz bemalt sind ansonsten aber hat sie eine Färbung wie andere Marienstatuen auch. Das ihr Gesicht schwarz ist muss nicht unbedingt auf einen afrikanischen Kult schließen."



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