Das Geheimnis der schwarzen Madonna Teil 2

von Hukwa aus der Kategorie Roman

Dieses letzte „Basta" klang wie ein Befehl und dabei sah er seinen Schwiegersohn auf eine seltsame und herrische Weise an. Seltsamer Mensch der Graf dachte Rafael und schon sprach Falkenberg weiter: „Ich habe es schon gehört, sie sind ja ein richtiger Experte für
die Malerei des Expressionismus, da müssen sie nachher noch in mein Arbeitszimmer, dort habe ich was ganz besonderes. Ach was, wir gehen gleich, kommen sie ich zeige es ihnen.
Wir sind gleich wieder zurück, richte schon mal den Wein Dieter." Er nahm Rafael beim Arm und zog ihn aus dem „Kommunikationszimmer" förmlich heraus. Das Arbeitszimmer des Grafen schien eine wahre Galerie zu beherbergen, allerdings nur Zeichnungen, außer einem großen Ölgemälde, direkt über dem Schreibtisch, des Grafen. Der Graf bat Rafael im Türrahmen stehen zu bleiben, in dem Raum herrschte nur Dämmerlicht vor, dann ging Falkenberg zum Schreibtisch stellte die Lampe etwas heller ein, so das man das Bild zwar nicht in seiner gesamten Einzelheit erkennen konnte aber doch so deutlich, dass ein Kenner sofort erkennen konnte um was für einen Maler es sich hier handelte. Nun, was sagen sie?" Fragte Falkenberg Rafael. Dieser hatte sofort erkannt um welchen Maler es sich handelt, blieb aber im Türrahmen stehen. Rafael staunte nur: „Ein früher Kokoschka!" Der Graf sagte: „Kompliment." Rafael lief langsam auf das Bild zu und sah es bewundernd an.
„Mein Gott, ihre Sammlung, ist ja von nichtschätzbaren Wert? Die Zeichnungen? Das ist Lehmbruck oder?" Der Graf war erstaunt. „Das erkennen sie bei diesem Licht?"
Rafael vergaß es eine Antwort zu geben und vertiefte sich in die Zeichnungen. „Das ist nicht nur Lehmbruck, da sind Skizzen von Barlach dabei!“ „Richtig!" sagte der Graf. Aber jetzt trinken wir erst ein Glas Wein und wenn sie in den nächsten Tagen Lust haben zeige ich ihnen die ganze Sammlung, da nehmen wir uns aber Zeit dazu. Als sie wieder zu den anderen zurückgegangen waren, hatte man schon Wein und Gläser gerichtet. Der alte Graf war ganz aufgeregt und erzählte, dass Rafael sofort, selbst bei schlechtem Licht, die Werke
alle richtig erkannt hatte, dies wäre ihm noch nie passiert. Er schenkte Wein ein. Dann wandte er sich wieder an Rafael: „Wo haben sie Kunst, studiert?" „Studiert ? Ich habe nicht studiert" sagte Rafael. Der Graf sah ihn erstaunt an. Dann meinte er: „Sie wollen doch nicht behaupten, dass sie sich das alles selbst beigebracht haben?" „Natürlich" meinte Rafael. „Respekt, Respekt!“ sagte der Graf. Er schenkte Wein ein und nun saß man gemütlich bei einander und führte Gespräche über alles mögliche. Rafael fragte nach der alten Burgruine und Graf Gisbert hielt gleich einen, ziemlich langen, historischen Vortrag.
„Ja, das mit dem Burgfräulein, nennen sie mir eine Burg auf der es nicht spuken soll?"
„Vielleicht spuckt es ja wirklich da oben“, meinte der Mann von Alexandra, „unser Burgfräulein findet wohl keine Ruhe. Glauben sie an Geister oder an ein Leben nach dem Tod Rafael ?“ Rafael zuckte nur mit den Schultern. Esther sagte, sie glaube fest an irgendetwas übersinnliches, Rafael versuchte zu diesem Thema nichts beizutragen. Es war Alexandra die ihn wieder aus seinen Gedanken holte, in denen er für kurze Zeit tief versunken war, er war bei der Madonna in der Frankfurter Kirche. Alexandra meinte er hätte doch mit seiner Arbeit ständig mit sakralen und übersinnlichen Dingen zu tun? Da sprach Rafael etwas seltsames und sehr poetisches aus: „Geliebtes gibt es, das im Sarge ruhen bleibt, vielleicht am trauernsten beweint um sein Totsein; und anderes gibt es, das jeglichem, was uns sich noch ereignen mag, lebendig antwortet, in Zwiesprache, als würde es selber, daran immer erneute Wirklichkeit, weil sie das anrührt, was uns mit Tod und Leben ewig zusammenschließt." So sprach es jedenfalls Lou Andreas – Salome, nach dem Tod von Rilke aus.
Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Esther unterbrach die Stille. " Das war sehr poetisch Rafael. Es scheint ein seltsamer Zufall gewesen zu sein der sie zu uns geführt hat?"
„Nein", sagte Rafael, „das war kein Zufall, das war eine Fügung des Schicksals.“ „Ich verstehe sie nicht ganz?" meinte Esther. „Das brauchen sie auch nicht, wenn die Zeit kommt, werde ich es ihnen zeigen". „Was werden sie mir zeigen?" „Das es keine Zufälle
im Leben gibt oder möchten sie es gleich sehen?" Die Stimme von Rafael hatte einen seltsamen Klang bekommen. Er sagte er wäre in wenigen Minuten wieder zurück.
Dann verließ er die Bibliothek und trat wenige Minuten später wieder ein.
Unter seinem Arm trug er eine Zeichenmappe, er legte diese auf den Tisch, gespannt sahen nun alle zu was er vor hatte. Langsam öffnete er die Zeichenmappe. Man konnte erkennen, das diese Skizzen und Fotos enthielt, allerdings sah man das ganze Material nur von der Rückseite, noch wusste niemand um was es sich handelte. „So, sagte Rafael, ich bringe nun den Beweis das es keine Zufälle im Leben gibt.“ Dabei sah er Esther so durchdringend an, das ihr ganz seltsam zumute wurde. Rafael legte zwei Zeichnungen auf den Tisch, die eindeutig Esther zeigten. Die Situation wurde etwas peinlich als alle Anwesenden, die Zeichnungen betrachteten. „Sie haben mich gezeichnet?" fragte Esther.
„Nein, das sind nicht sie Esther." sagte Rafael. Alexandra sagte sofort, das wäre Esther, auch die übrigen behaupteten dies. „Sie sind also alle sicher das dies Esther ist?" Wie aus einem Mund erklang ein Gemeinsames natürlich. „Gut," sagte Rafael, „dann sagen sie mir doch bitte wer die Dame auf diesen beiden Fotos ist, ist das auch Esther?"
Rafael legte zwei äußerst klare Fotos von der Madonna aus der Kirche auf den Tisch, er hatte bewusst zwei Fotos ausgewählt die einen Teil der Kirche als Hintergrund hatte, aber die Gesichtszüge der Madonna gestochen scharf erkennen ließen. Die Anwesenden wurden blass, es war ihnen natürlich klar das Rafael ihnen hier keine Fotomontage vorlegte. Esther war ganz bleich. Rafael sagte nun: „Sagen sie jetzt bitte nichts, ich kann ihnen die Marienstatue jederzeit in der Kirche zeigen, ich könnte ihnen jetzt eine Geschichte erzählen, von jenem Tag, als ich dazu kam als man Alexandra und Esther entführen wollte,
ich könnte vielleicht erzählen, das mir die Madonna etwas zugeflüstert hat, vielleicht sagte sie, laufe heute einen anderen Weg, wenn du nach Hause gehst. Doch darum geht es im Moment nicht, ich möchte ihnen nur beweisen das es keine Zufälle gibt. Und nun bitte ich sie um etwas: Erzählen sie darüber mit keinem anderem Menschen, denn ich habe während meiner Arbeit mit dieser Madonna, noch etwas entdeckt, worüber ich hier nicht sprechen möchte. Versprechen sie mir Stillschweigen ?" Es herrschte Totenstille im Raum.
Keiner bezweifelte was Rafael ihnen hier vorgelegt hatte. Der alte Graf unterbrach das Schweigen: „Wie ist so was erklärbar?" Er sah Rafael dabei an. Dieser schwieg eine Zeitlang. Dann sprach er langsam, äußerst ruhig. Seine ganze Art schien plötzlich geändert,
Esther kam es vor als ob ein Priester sprechen würde: „Ich sagte doch schon, ich werde ihnen alles erklären wenn, die Zeit reif dafür ist und Sie Esther, bekommen Sie jetzt um Gottes Willen, keine Panik, das ist auf einer anderen Ebene, einer Ebene die Sie nicht kennen, die in diesem Raum niemand kennt, vollkommen normal. Ich habe solche, nun ich will einmal sagen „Dinge " schon sehr oft erlebt." Plötzlich kam ein kurzes herzliches Lachen aus seinem Munde und er sagte: „Halt jetzt lüge ich, es ist so, dass ich solche Dinge eigentlich immer erlebe." „Und wie erklären sie sich das?" „Genau das ist der berühmte Kardinalspunkt, der Fehler, den die Menschen machen, (dieses den die Menschen machen, sprach er auf auffällig seltsame Weise aus, jedem fiel dies auf)sie meinen, sie könnten alles erklären. Das ist wie mit dem Burgfräulein, ist es eine Sage, oder existiert sie wirklich als Geist, wer gibt uns das Recht über Dinge die in den Bereich
des Übersinnlichen gehören so abfällig zu sprechen?" dabei blickte er besonders Alexandra an. Minutenlanges Schweigen folgte, Esther unterbrach es mit den Worten: „Wer sind sie Rafael Kain"? Er lächelte sie warm an: „Nun Esther, ich bin der Bildhauer Rafael Kain."
Nach einer Zeit des Schweigens, sagte Rafael, sie sollten sich doch bitte nicht beunruhigt fühlen und an Esther gewandt fügte er hinzu, dass er immer für sie da sei, wenn sie irgendetwas wissen wolle, sollte sie sich nur an ihn wenden. Dann meinte er noch lächelnd und freundlich, dass er sie nun wohl genügend erschreckt hätte, wünschte eine Gute Nacht, damit verließ er den Raum und begab sich in sein Zimmer.

Rafael stand noch einige Zeit vor dem großen Fenster in seinem Zimmer. Es klopfte, er sagte die Tür ist offen. Esther trat ein. „Störe ich?" „Nein" meinte Rafael. Sie trat neben ihn ans Fenster. Wenn man aus diesem Fenster hinaus sah, hatte man einen wunderbaren Blick auf die alte Burgruine. Der Mond nahm zu, in zwei Tagen würde es Vollmond sein.
Jetzt schon sah die verfallene Ruine sehr romantisch aus im noch schwachen Mondlicht.
„Wissen sie Esther, im Leben ist es oftmals so, dass durch den Einfall des Profanen, der Rohheit oder der Gewalt, äußerst sensible Beziehungen sich aufbauen können. Sie und ich wissen das sehr gut, wenn sie es jetzt auch leugnen würden. Es hätte keinen Wert, gegen die Macht, na sagen wir mal des Schicksals, obwohl das nicht genau zutrifft, durch dieses Wort, sind wir beide miteinander verbunden. Ja, für eine Zeitspanne unseres Lebens sind wir Verbündete. Nutzen wir das aus! Verstehen sie mich bitte nicht verkehrt, ich meine das auf eine andere Art und Weise, sagen wir einmal auf eine platonische Art. Wissen sie worauf ich hinaus will?" „Nein?" sagte Esther. „Das tägliche Leben und die Menschen die da hineingehören, liegen manchmal vor uns wie ein offenes Buch, nur sind wir nicht fähig darin zu Lesen, aus dem einfachen Grund, weil wir diese Sprache nie gelernt haben. Jedenfalls die Mehrzahl der Menschen! Ich glaube Esther, dies ist ein Leben und das andere ist eben ein anderes Leben, und es liegt an uns ob wir verstehen, das beide Leben für uns gemacht sind oder nur eines davon?" Sanft hatte Rafael diese Worte ausgesprochen, plötzlich sagte er zu ihr, Entschuldigung, dann fuhr er zärtlich mit seiner Hand über ihr Haar, streichelte ihre Stirn und sagte mit belegter Stimme.“ Es ist besser Sie lassen mich nun alleine. Gute Nacht Esther und träumen Sie was schönes."
„Gute Nacht," sprach sie und verließ das Zimmer. Rafael stand noch eine Weile vor dem Fenster und sah lange die Burg an. Dann legte er sich zu schlafen. In dieser Nacht schlief Rafael sehr gut.
Am nächsten Morgen stand er sehr früh auf, alles schlief noch. Rafael nutzte die Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang, er lief nicht weit, sah sich in der Nähe des Schlosses um schaute interessiert in die Stallungen und bewunderte den alten Baumbewuchs des wunderschönen Parks. Er war fast zwei Stunden unterwegs, es war noch dunkel gewesen als er das Gebäude verließ, nun da er zurückkam saßen die Falkenbergs schon beim Frühstück. Ein freundliches Hallo begrüßte ihn, er nahm Platz und trank mehrere Tassen Kaffee. Man unterhielt sich unbefangen. Rafael erzählte von seinem kleinen Spaziergang in der näheren Umgebung und wie schön es hier wohl im Sommer wäre. Es war der alte Falkenberg, der ernst aber sehr freundlich sagte: „Nun davon können sie sich doch überzeugen, bleiben sie einfach bis zum Sommer?" Rafael bedankte sich sagte aber, das ginge nicht, aus verschiedenen Gründen, schließlich müsse er ja arbeiten, er hätte bis jetzt zwar noch keinen Auftraggeber eine Zusage gemacht aber bis spätestens Januar wolle er dies tun. Und dies sei ja nicht mehr lange, in drei Wochen sei schon Weihnachten und er würde vor Weihnachten noch von Schloss Falkenberg abreisen. Das käme auf keinen Fall zustande sagte Graf Gisbert, Weihnachten das müsse er hier auf Falkenberg verbringen,
das ist das mindeste was er Rafael, für ihn, Falkenberg tun müsse. So schnell wolle er ihn noch nicht weglassen. Ja und dann fiele ihm da noch etwas ein, schließlich habe er Alexandra versprochen die alte Waldkapelle zu restaurieren. Rafael war mehr als erstaunt.
„Entschuldigen sie bitte, Herr von Falkenberg, ich habe mit Alexandra kurz über diese Kapelle gesprochen, aber niemals gesagt das ich sie restaurieren werde!" Dabei sah er Alexandra an. „Wirklich" meinte Alexandra, " dann haben sie es bestimmt vergessen oder was meinst du Esther, du warst schließlich dabei als Rafael sagte, das er sich für die kleine Kirche interessieren würde?" Sie grinste dabei Esther hinterlistig an. „Ja, ich erinnere mich ein wenig, ich glaube das haben Sie gesagt." Jetzt grinste Rafael: " Gut wenn ich das gesagt habe, dann sehe ich mir die Kappelle gerne an, ich sehe sie mir an, aber das bedeutet noch lange nicht, das ich sie auch restaurieren werde." „Wir werden sehen" meinte Esther, die Rafael heute besonders vital vorkam. Sie meinte, nach dem Frühstück könnten sie beide ja einen Spaziergang zur kleinen Kirche machen. Rafael sagte sofort zu und freute sich sehr mit Esther alleine spazieren zu gehen.


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