Cuba Libré
von LightningThunder aus der Kategorie Geschichten zum Träumen
Sie steht dort auf dem Platz. Ziemlich verschwitzt zwar und abgekämpft aber trotzdem macht sie eine gute Figur. Sie weiß nicht, dass sie beobachtet wird. Das muss sie auch nicht, das würde sie wohl verunsichern.
Sie sieht gut aus, in diesem durchgeschwitzten T-Shirt. Mit flinken Bewegungen jagt sie über den Platz, den anderen Mädchen hinterher und erkämpft sich einen Ball nach dem anderen.
Die Frau am Rand des Platzes ganz hinten in der letzten Reihe erkennt sie kaum. Sie weiß auch gar nicht, warum sie dort hinsehen sollte. Ihr Fokus ist auf den Ball gerichtet.
Als sie nach Hause geht, bemerkt sie nicht die Gestalt, die langsam und in einigem Abstand hinter ihr her schlendert. Das T-Shirt klebt an ihrem Körper. Immer noch völlig außer Atem, lässt sie den Ball einige Male auf das Pflaster springen und fängt ihn dann geschickt auf.
Das Herz der Frau hinter ihr beginnt zu springen wie der Ball, der eben wieder auf das Pflaster springt.
Die Frau vor ihr registriert das nicht.
Als die Wohnungstür zufällt macht die Frau sich selbst auf den Weg nach Hause. Heute Abend bekommt sie eine neue Chance sie zu beobachten. Nur beobachten, mehr ist für sie nicht drin.
Sie ist schüchtern, sie kennt niemanden. Nur durch Zufall kam sie an dem Platz vorbei und sah sie. Jetzt ist das schon fast einen Monat her und sie weiß noch nicht mal ihren Namen. Sie weiß nur, dass sie auf dem Platz ist und dass sie jeden Mittwoch und jeden Samstag in diesem Club zu finden ist. Und dort wird sie heute Abend ebenfalls sein.
In einer dunklen Ecke sitzt sie, geschützt vor den Blicken der anderen Besucher. Aber sie überblickt den gesamten Club und vor allem die Tanzfläche. Dort wird sie auftauchen, früher oder später. Das ist schon immer so, seit sie sie beobachtet.
Sie sitzt allein in der Ecke, ihren Drink vor sich. Cuba Libré, ihr Lieblingsgetränk. Bacardi, Cola und ein Spritzer Zitrone. Sie genießt die Dunkelheit, sie genießt die Musik. Sie spielt verborgene Wünsche. Aber sie ist völlig allein hier. Sie sitzt in ihrer Ecke. Bis der Song kommt, zu dem sie tanzen wird. Und sie ist hier um es zu sehen. Aber die andere weiß es nicht.
Je später der Abend desto ausgelassener die Stimmung. Immer und immer wieder sieht sie sich satt. Trotzdem ist heute irgendetwas anders als sonst.
Sie fühlt sich nicht sicher in ihrer Dunkelheit. Sie glaubt ihre Blicke liegen auf ihr. Dabei hat sie sich nicht einmal besonders herausgemacht. Das ist alles Illusion. Das ist alles nicht wahr. Niemand sieht sie hier und trotzdem…
Sie geht früher als sonst und sie fühlt die Blicke. Die ausgelassen feiernde Gruppe, die sie die ganze Zeit beobachtet hat in ihrem Rücken.
Am Abend liegt sie im Bett und wünscht sich etwas Wärme. Vielleicht ein wenig Nähe. Aber alles was sie hat ist eine Frau, die sie beobachtet und von der sie träumt. Wohl immer träumen wird. Alles perfekt, alles wie es sein sollte.
Am folgenden Samstag geht sie nicht in den Club. Sie sitzt zuhause und sieht den schwarzen Bildschirm ihres Fernsehers an. Sie sieht solange dorthin bis sie glaubt dort Bilder von ihr zu sehen. Keinen Cuba Libré nur ihre Einsamkeit.
Am folgenden Mittwoch ändert sich alles. Sie kommt zufällig an dem Platz vorbei. Aber ihre letzte Reihe ist besetzt. Also stellt sie sich weiter nach vorn.
Sie blickt gedankenverloren auf das Shirt, das an ihrem Körper klebt. Sie bemerkt nicht einmal den Ball, der ihre Stirn trifft. Sie bemerkt nur, dass es dunkel wird.
Als es wieder hell wird, liegt sie auf hartem Stein und SIE blickt von oben auf sie herab.
„Ich hoffe, ich habe dir nicht wehgetan, jedenfalls nicht zu sehr.“ Brummt eine warme Frauenstimme.
Hastig schüttelt sie den Kopf und steht langsam auf.
„Ich lade dich ein, heute Abend. Ich glaube du weißt wo du mich findest.“
Ihr Lächeln trifft ihr Gesicht.
LightningThunder 2008