Alles nur ein Traum?
von Shayana aus der Kategorie Geschichten zum Nachdenken
Ich laufe langsam durch einen Wald, immer vorwärts, immer weiter. Irgendwas zieht mich mitten in den dunklen Wald. Doch trotz der Dunkelheit finde ich meinen Weg und fürchte mich nicht. Ich weiß, dass die Bäume nicht meine Feinde sind, sie sind für mich da. Sie beschützen mich.
Es ist kühl und ich fröstle. Während ich gehe fangen meine Gedanken an zu schweifen. Zu meiner Familie, bei der ich zwar weiß, dass sie mich liebt, aber dennoch fühle ich mich fremd. Ich fühle mich nicht mehr wohl in meinem Zimmer, obwohl ich dort meine ganze Kindheit verbracht habe. All die Erinnerungen die ich früher so geliebt habe wirken heute falsch, so als wären es nicht meine. Immer weiter zieht mich die Dunkelheit, ich genieße es das rascheln der Blätter zu hören, anders als sonst klingt es heute wie liebevolle Koseworte. Als ob die Bäume mich in ihrer Mitte begrüßen würden. Meine Hand streicht sanft über die raue Rinde der Bäume. Das Gefühl das die Bäume meinen Weg freimachen lässt mich nicht los.
Ich spüre das Leben des Waldes, überall wächst etwas, überall gedeiht neues Leben. Und ich bin mitten drin. Wieder muss ich an meine Familie denken. Gerne würde für ein paar Tage in diesem Wald sein, ganz allein und mir einfach über ein paar Dinge klar werden. Ich weiß, meine Eltern wollen nur das Beste für mich, aber warum müssen sie mich immer weiter drängen? Immer weiter auf einen Weg, den ich doch gar nicht beschreiten will. Warum kann ich nicht einfach über mein Leben entscheiden? Es ist doch meins, nicht das meiner Eltern. Geschwister habe ich keine, obwohl ich mir immer eine kleine Schwester oder auch einen großen Bruder gewünscht hatte. Jemand, mit dem ich reden könnte, doch auch dagegen kann ich nichts tun. Wie in fast allen Bereichen meines Lebens, kann ich daran nichts ändern. Mein Leben bestimmt mich und nicht ich mein Leben.
Und meine Freunde… Irgendwo hatte ich mal gelesen: Freunde sind die Familie die man sich aussuchen kann. Wenn das stimmt, habe ich eine schlechte Wahl getroffen. Zwar mag ich all meine Freunde wirklich, aber reden kann ich mit ihnen nur über unwichtiges. Mit den Mädchen über Schmuck, Jungs, Make-up und mit den Jungen über Mädchen, Filme und Sport. Aber was ist wenn ich mich in den Schlaf weine, weil ich mich in dieser Welt fremd fühle, nicht angenommen. Wem kann ich das erzählen, ohne komisch angesehen zu werden? Meine Eltern würden nur sagen, dass das an der Pubertät liegt und meine Freunde würden fragen ob ich gekifft hätte. Was ist wenn ich einfach nur noch sterben will, weil mich keiner versteht, niemand es auch nur versucht? Wahrscheinlich würde man mich zum Psychologen schicken. Aber würde das irgendwas ändern?
Schritt für Schritt geh ich weiter in den Wald, noch immer habe ich mein Ziel nicht erreicht. Was ich erreichen will weiß ich nicht, aber wenn ich da bin werde ich es spüren. Da bin ich sicher. Die Dunkelheit umstreicht mich tröstend und eine kleine Blätterranke streicht sanft über mein Gesicht, sie nimmt die Tränen mit sich. Ich kann hören wie die Bäume leise etwas flüstern, leise mir Trost zusprechen. Sie erzählen mir andere Geschichten, von anderen Menschen die genauso eingesperrt leben wie ich. Die Meisten merken es nicht einmal, sie lassen das wahre Leben an sich vorbei streichen und erleben so wenig.
Ich fühl mich schwach und ganz plötzlich geben meine Knie nach. Doch anstatt hart auf den Boden zu fallen, halten mich die Bäume. Wie ein kleines Kind tragen sie mich und ich wiege im Wind. Zum ersten Mal seit langem fühle ich mich einfach nur geliebt. Einfach angenommen, wie ich bin. Mit all meinen Fehlern, mit all meinem Versagen, aber auch mit meinen Stärken. Sanft wie eine behütende Mutter trägt mich einer der Bäume. Tränen fließen in Strömen über meine Wangen, ich kann gar nicht aufhören zu weinen. Ich weine all den Kummer, all das stille Leiden der Jahre aus mir heraus. Mit jeder geflossenen Träne fühle ich mich leichter und leerer. All die Gedanken an Familie, Freunde, Leid und Freude sind wie weggefegt. Nur noch ich bin da. Ich… Ich, ich. Das Wort klingt irgendwie fremd, als hätte ich es nur selten benutzt. Zum ersten Mal fällt mir auf wie sehr die Menschen um mich herum, meine Liebe ausgenutzt haben, aber ich kann es erkenne ohne Wut. Es macht mich nur noch trauriger, traurig weil so etwas in unserer Welt so oft vorkommt. Ich schmiege mich dichter an den Baum, noch immer verweilend in dem angenehmen Zustand der Leere. Ich schließe die Augen und all die Erschöpfung fällt langsam von mir ab, wie neugeboren.
Nach einem ewigen Augenblick setzt der Baum mich langsam ab. Den restlichen Weg muss ich alleine gehen. Mit einem lächeln seh’ ich zu dem Baum auf und berühre dankbar seine Rinde. Er scheint mich zu verstehen und flüstert mir noch einmal aufmunternde Worte zu. Entschlossen dreh ich mich herum und gehe los, noch immer ist es dunkel, doch ein kleines Licht schwebt vor mir. Es führt mich einen Weg entlang und schwebt lustig um mich herum. Lachend versuch ich es zu berühren, doch es schwebt einfach schneller weiter. Ich renne ihm nach. Mein Lachen schallt durch den Wald und ich höre ein leises Kichern, es kommt vom Licht. Als ich wieder langsamer laufe, betrachte ich meinen leuchtenden Begleiter aufmerksam. Zum ersten Mal fällt mir auf, dass das Licht und die Dunkelheit sich nicht beißen. Sie gehen einfach in den anderen hinein. Warum sagen alle Licht ist ein Feind der Dunkelheit? Sie sind Geschwister, Bruder und Schwester. So unterschiedlich und dennoch so friedvoll miteinander. Fast sieht es so aus, als ob die Nacht das Licht liebevoll umarmen würde, beschützend, umschlingend.
Seit ich hier im Wald bin habe ich jedes Zeitgefühl verloren, aber dennoch habe ich das Gefühl ich bin schon seit Tagen hier. Als wäre ich hier nach Hause gekommen.
Plötzlich erlischt das Licht, doch erschrecken tu ich mich nicht. Jede Angst vor der Dunkelheit ist auf meiner Reise verloren gegangen. Ich spüre nur die Liebe die mich umgibt, die die Nacht ausstrahlt.
Mein Ziel ist vor mir, irgendwoher weiß ich es. Direkt vor mir. Dann erstrahlt gleißende Helligkeit, geblendet schließ ich die Augen. Nach kurzer Zeit öffne ich sie langsam wieder. Und ich sehe in mein Gesicht. Ich stehe direkt vor einen Spiegel. Und obwohl ich eindeutig mein Gesicht erkenne, wirkt es fremd. Erwachsener und ruhiger. Nicht ernster, noch immer lustig, aber ausgeglichen und friedlich. Es ist mein wahres Antlitz. Nicht mein Physisches Gesicht. Sondern Ich, mit all meinen Makeln und meiner Schönheit. Zuerst seh’ ich mich glücklich an und dann wieder traurig, ständig verwandelt sich das Gesicht, zeigt immer neue Facetten meines Seins. Immer neue Talente offenbart es immer neue Fehler. Aber ich betrachte es ruhig, freue mich über jede wunderschöne Eigenschaft und akzeptiere meine Fehler.
Dann wird das Gesicht ruhig und zeigt mich, so wie ich mich kenne. Wie ich mich schon tausend Mal im Spiegel betrachtet habe. Nur das mein Gesicht leuchtet, es strahlt und explodiert fast vor Helligkeit. Doch diesmal ertrage ich die Helligkeit und sehe mich nachdenklich an. Dann wandert mein Blick über meinen Körper, meinen realen. Das helle Licht kam nicht von irgendwoher, es kam von mir. Ich leuchte wie ein Stern in dunkelster Nacht.
Erschrocken schlage ich die Augen auf. Meine Reise durch die Dunkelheit und den Wald, alles war ein Traum. Das kleine Licht und der Spiegel, die sanften Bäume und ihre Worte, alles ist nicht real. Ich lache leise und traurig auf, was habe ich auch gedacht… Müde sinke ich wieder aufs Bett und schließ die Augen. Nachdenklich lausche ich meinem Herzschlag, ruhig und gleichmäßig. Ich wünsche ich wäre wieder in dem Wald, wieder bei den liebevoll umsorgenden Bäumen und meinem strahlenden Ich.
Das Licht des Mondes verblasste und das Zimmer war in vollkommene Dunkelheit getaucht. Nur etwas erhellte den Raum. Eine junge Frau die ruhig im Schlaf dalag und leuchtete.