Aisha; der Tempel der gequälten Seelen
von Sel aus der Kategorie Roman
Kapitel I
Aisha betrat die kleine Hütte.
Sie erkannte die Umrisse der Möbel.
Sie sah die Wiege.
Aisha ging zu einer Fackel an der Wand und umfasste sie mit der Hand.
Als sie die Fackel wieder freigab, loderten Flammen auf.
Aisha ging zu der Wiege.
Dort lag sie.
Ein knappes Jahr war sie nun alt.
Akasha.
Aisha setzte sich auf einen Schemel und summte eine Melodie.
Die Türe öffnete sich und ein leichter Luftzug fegte herein.
Ajith, Aishas Mann, kam herein.
„Na, schläft sie?“, fragte er.
„Ja“, flüsterte Aisha.
Das kleine Mädchen Akasha hatte heute ihre ersten Schritte getan.
Sie war schon jetzt eine Schönheit.
Ihre Haare waren braun, ihre Augen eisblau.
„Die Wölfe werden diese Nacht wiederkommen“, meinte Ajith.
„Weißt du das ganz genau?“, fragte Aisha.
„Ja, ich habe sie gesehen. Weit hinten, dort warten sie“, sagte Ajith.
Aisha nickte nachdenklich.
„Das ist doch kein Problem, oder?“, fragte sie.
„Nein, natürlich nicht“, versicherte Ajith ihr.
Aisha nickte beruhigt.
„Sie sind hungrig“, sagte Ajith.
„Ja, klar. Es wird Winter“, meinte Aisha.
„Wir hatten aber eine gute Ernte. Dieser Winter wird ertragbar“, sagte Ajith.
Aisha nickte und lächelte.
„An Feuer mangelt es uns sicher nicht“, lachte sie.
Ajith nickte.
Akasha rekelte sich in der Wiege.
„So, ich glaube, sie hat Hunger“, meinte Aisha und grinste.
„In Ordung. Ich halte heute mit den Männern Nachtwache. Die Wölfe werden diese Nacht angreifen. Ich spüre es“, sagte Ajith.
Aisha nickte wieder.
Ajiths Worte machten ihr ein wenig Angst.
Doch Aisha vertraute ihm.
Kapitel II
Aisha wachte auf.
Sie hörte Wolfsgeheul und Schreie.
Aisha wusste, normalerweise hatten die Männer alles im Griff.
Doch die junge Magierin spürte, dass etwas nicht stimmte.
Akasha wachte auf und schrie.
Aisha sprang auf und nahm Akasha auf den Arm.
Dann lief sie nach draußen.
„Aisha, geh ins Haus!“, rief Ajith ihr zu.
Er stieß einen Wolf mit einem Knüppel zur Seite.
„Wovon träumst du nachts?!“, rief Aisha und zog ein Tuch hervor.
Schnell hatte sie Akasha in das Tragetuch gesetzt und legte die Hände ineinander.
Sie spürte die Energie in ihrem Körper.
Sie spürte die Magie.
Sie spürte die Kraft.
Sie formte eine Feuerkugel und schleuderte sie auf den Wolf.
Der Wolf heulte vor Schmerz und sein Fell brannte.
Schon nach kurzer Zeit brach er als Asche zusammen.
Aisha sah, wie ein Wolf einem Mann an die Kehle sprang.
Der Mann schrie und brach zusammen.
Aisha formte erneut ihre Magie und verbrannte den Wolf.
Sie eilte zu dem Mann.
Sie spürte das Leben, das ihn in Sekundenschnelle verließ.
Sie kniete sich neben ihn.
Er hatte eine Wunde im Hals.
Das Blut bedeckte die Wiese und versickerte langsam.
Aisha formte abermals eine Kugel in ihrer Hand.
Eine Kugel aus Energie – pure Energie.
Sie nahm die blaue Energiekugel, die scheinbar aus Blitzen bestand, und stieß sie dem Mann in den Körper.
Der Körper zuckte.
Aisha konnte das Herz schlagen hören und fühlen.
Viel zu schwach.
Aisha sammelte nochmals Energie und versuchte nochmals, den Mann wiederzubeleben.
Doch dann gab sie es auf.
Sie sprach in Gedanken ein Gebet.
Dann stand sie auf.
Der Tod schien sie umzingelt zu haben.
Sie sah, wie Wölfe in die Häuser eindrangen.
Sie sah, wie sie die Häuser zerstörten.
Es war alles verloren.
Aisha fasste einen Entschluss.
„Achtung!“, rief sie.
Einen Moment sahen alle Menschen zu ihr.
„Lauft zum See!“, rief sie. „Schnell!“
„Was hast du vor?“, fragte Ajith.
„Lauft!“, rief Aisha nochmals.
Schließlich liefen die Menschen doch.
Aisha holte Luft.
Akasha sah sie an.
Aisha konnte Akashas Angst sehen, fühlen.
Sie fühlte das kleine Herz schlagen.
Aisha schluckte.
Es waren zu viele Wölfe.
Sie sah die Häuser.
Ihr zu Hause.
Sie sah Menschen, die noch lebten und auf dem Boden lagen, die dem Tod bereits entgegen sahen.
Sie musste es tun.
Aisha streckte die Hände in den Himmel, Blitze entluden sich zwischen den Wolken, Aisha saugte die Energie im Himmel auf.
Dann stieß sie alle diese Energie in den Boden.
Es gab ein kleines Erdbeben, der Boden bekam Risse, die Wiese fing Feuer, das Feuer rollte als Welle über das Dorf, verbrannte alles.
Häuser.
Wölfe.
Ihr zu Hause.
Die Menschen, die noch lebten, aber nicht mehr zu retten waren, kamen nicht mehr dazu, zu schreien.
Erschöpft fiel Aisha in sich zusammen.
Kapitel III
Aisha schüttelte fassungslos den Kopf.
Sie hatte die Gefahr ausgeschaltet.
Sie hatte ihr zu Hause zerstört.
„Aisha, warum hast du das getan?“, fragte Ajith.
Aisha hielt Akasha im Arm.
„Ihr konntet ja nicht gegen sie gewinnen!“, sagte sie kalt.
„Du vertraust uns also nicht?“, fragte Ajith.
„Ja, vielleicht!“, fauchte Aisha.
Ihre sonst so ruhigen, braunen Augen funkelten nun wütend.
Die Menschen, die den Angriff der Wölfe überlebt hatten, standen um sie herum.
Aisha und Ajith waren die Magier des Dorfes.
Sie waren berühmt und geachtet.
Und gestritten hatten sie sich noch nie.
Seit zwei Jahren nicht.
Und jetzt sah es beinahe danach aus.
Aisha stand auf und wandte Ajith den Rücken zu.
Die Wiese unter ihr war schwarz.
Die Feuerwelle hatte alles vernichtet.
„Ich versuche, euch zu retten, und das ist alles, was ihr zu sagen habt?“, fragte Aisha unter Tränen.
Sie stieß auf Schweigen.
„Ajith“, sagte sie leise.
Eine Träne lief ihre Wange hinunter.
„Ich wollte doch bloß nicht, dass dir etwas passiert“, sagte sie. „Oder euch“, sagte sie und zeigte auf die anderen Dorfbewohner. „Oder ihr“, fügte Aisha hinzu und zeigte auf Akasha, die friedlich schlief.
Ajith stand auf.
„Das waren keine gewöhnlichen Wölfe“, sagte er.
„Was?“, fragte Aisha.
„Diese Wölfe waren riesig“, sagte Ajith.
„Was für Wölfe sollen es gewesen sein, wenn keine Gewöhnlichen?“, fragte Aisha.
„Andere“, meinte Ajith.
„Was sagst du? Hinter dem Wald waren sie?“, fragte Aisha.
Ajith nickte.
„Fast am Gebirge“, bestätigte er.
Aisha überlegte.
„Vielleicht waren es ... nun ja ... “
Aisha wollte es nicht aussprechen.
„Die Haustiere von Hexen? Oder die vom Teufel?“, fragte Ajith.
Aisha wollte zuerst protestieren, doch dann merkte sie, dass in Ajiths Stimme kein Spott lag.
Es war todernst.
Aisha nickte.
„Dieser Wald war mir noch nie geheuer“, sagte sie.
„Vielleicht sollten wir uns nach der Ursache umsehen“, meinte Ajith.
Aisha nickte wieder.
„Conrad“, sagte Ajith zu einem der Männer des Dorfes. „Sucht euch einen Platz, wo ihr ein neues Dorf aufbauen könnt“, wies er ihn an.
Conrad nickte.
„Mache ich“, sagte er und gab den anderen Männern einen Wink, dann liefen sie über die Wiese gen Wald davon.
„Los, lass uns diese Hexen suchen!“, sagte Ajith.
Ein kleiner Wind kam auf, dann saß vor Aisha nur noch ein kleiner Turmfalke.
Aisha grinste, legte Akasha vor sich auf den Boden und verwandelte sich in ihre tierische Gestalt – einen Adler.
Kapitel IV
Ajith hob ab, Aisha nahm Akasha vorsichtig zwischen die Klauen und gemeinsam flogen die beiden Magier – oder die beiden Vögel – in Richtung Wald und Gebirge.
Hinter dem Wald landeten sie.
Sie verwandelten sich zurück und sahen sich um.
Vor ihren Füßen floss ein kleiner Bach, dahinter erstreckte sich ein Haferfeld.
Aisha nahm Akasha wieder auf den Arm.
„Und von hier sind die Wölfe gekommen?“, fragte Aisha.
„Hier habe ich sie das erste Mal gesehen“, berichtigte Ajith. „Was hinter dem Gebirge geschehen ist, weiß ich nicht“, fügte er hinzu.
Aisha nickte.
Sie wusste, dass Ajith ein bisschen hellsehen konnte, auch durch Wäl-der hindurch, doch Gebirge waren zu hoch.
„Wir kennen die Welt hinter dem Gebirge nicht“, meinte Aisha.
Ajith nickte.
„Einige behaupten, das die Welt hinter dem Gebirge zu ende ist“, meinte er.
„Ja, aber das können wir wiederlegen“, grinste Aisha.
Aisha und Ajith waren nämlich die einzigsten Magier des Dorfes und somit die einzigsten, die Tiergestalten annehmen konnten.
Noch dazu war es sehr selten, dass die Tiergestalt die eines Vogels war.
„Los, die Quelle muss hinter dem Gebirge liegen“, meinte Aisha, verwandelte sich, nahm Akasha in die Krallen und flog nach oben.
Ajith folgte ihr.
Während der Falke einen steilen Flug senkrecht an der Felswand nach oben unternahm, musste Aisha möglichst schonend nach oben gelan-gen, schließlich hatte sie ein Kleinkind im Schlepptau.
Oben angekommen legten sie eine Pause ein.
Da sie nur als Menschen sprechen konnten, verwandelten sie sich nochmals zurück.
Aisha ging zu dem Seil, das das Plateau umspannte.
Hier sah sie auf die Wiese, direkt unter ihnen, das Haferfeld, der Wald und schließlich den See ... und daneben das riesige, schwarze Feld, welches sie verursacht hatte.
Ajith trat hinter sie.
„Du hast richtig gehandelt“, sagte er.
Er hielt Akasha im Arm.
„Jetzt sind wir am Leben und haben noch eine Chance, weiterzuleben“, meinte er.
Aisha seufzte.
Ajith gab ihr das kleine Mädchen.
„Wir werden eine großartige Familie“, versprach Ajith Aisha.
Aisha lehnte sich gegen Ajith.
„Erst müssen wir das Rätsel um die Wölfe lösen“, sagte sie mit felsen-fester Stimme.
Kapitel V
Aisha sah die sogenannte „andere Welt“, die Welt hinter dem Gebirge.
Sie sah die Felswand hinunter.
Plötzlich fiel Aisha etwas ein.
Genau genommen war sie schon einmal auf der anderen Seite gewesen, wenn auch nur ein paar Schritte.
Sie lief zu einer Treppe, die in das Gebirge eingemeißelt war, die in etwa bis zur Mitte des Gebirges führte.
Dann war zu ihrer linken eine Felswand.
Sie berührte die Felswand.
Die Wand schob sich zur Seite.
„Aisha?“, rief Ajith von oben.
Aisha antwortete nicht.
Ajith lief ebenfalls die Treppe hinunter, zu Aisha.
Er hielt Akasha im Arm.
„Was willst du denn hier?“, fragte Ajith.
„Auch dieser Ort ist verflucht“, gab sie zur Antwort.
„Und du meinst, die Quelle liegt hier?“, fragte Ajith.
Aisha drehte sich nochmals um.
„Nicht alles, aber ein Teil“, sagte sie.
Aisha lief den Gang entlang, der in das Gebirge führte.
Kurven, Gänge, tiefer und weiter.
Und es wurde immer heißer.
Aisha schluckte.
Hier hatte sie Ajith kennengelernt.
Damals war Ajith noch ein Dämon gewesen.
Verflucht.
Aisha nahm Ajith Akasha ab und lief die letzten Schritte, bis sie zu jener magischen Sphäre kam, die die Unterwelt von der Menschenwelt abtrennte.
Aisha konnte die Sphäre durchtreten, warum wusste sie allerdings auch nicht.
Ihr Lehrer Larry, hatte sie zu sich geholt, vor fast zwei Jahren.
Dort hatte sie die Magie gelernt.
Er hatte gewusst, sie konnte die Unterwelt betreten.
Doch warum das so war, hatte Aisha nie erfahren.
Wäre Ajith noch derjenige, den sie hier vorgefunden hatte, blutrünstig und dämonisch, hätte er das Geheimnis sicher gewusst.
Ob er es ihr gesagt hätte, war eine ganz andere Frage.
Doch Ajith war nicht mehr der Dämon, sondern ein junger Mann, ein paar Jahre älter als Aisha.
Alles, was Ajith noch von damals wusste, war, dass er hier gelebt und schwächere Dämonen ermordet hatte – ein Umstand, der ihm heute noch schlaflose Nächte bereitete – und dass er Aisha liebte.
Und das war, wie Aisha fand, beinahe das Wichtigste.
Kapitel VI
Aisha sah sich prüfend um.
„Hier ist alles noch wie vor zwei Jahren, als ich es hier zurückgelassen habe“, meinte sie.
Ajith nickte.
Auch wenn er keine wirkliche Ahnung hatte, wovon Aisha redete.
Sie sahen eine große Halle.
Eine Brücke führte dort hin.
Dort stand ein goldener Thron.
Der Thron, den Aisha sich erobert hatte.
Der Thron der Dämonen.
Links und rechts von der Brücke flossen Lavafälle von der Felswand.
Sie hatten eine unbestimmte Quelle.
Unter der Brücke sammelte sich die Lava zu einem gigantischen, glü-henden See.
„Lass uns gehen, bitte“, bat Ajith.
Aisha nickte.
„Hier ist nichts“, stellte sie fest.
Sie drehten um und verließen die Gänge.
„Gut, dann werden wir uns in fremde Welten begeben“, meinte Aisha und nahm ihre Adlergestalt an.
Ajith nickte und verwandelte sich ebenfalls.
Aisha nahm Akasha wieder zwischen ihre Klauen und dann flogen die beiden los.
Die beiden segelten zuerst über eine Wiese.
Schließlich kreischte Aisha etwas und setzte zur Landung an.
Ajith folgte ihr und die beiden landeten in der Krone einer Tanne.
Aisha reckte den Schnabel und schien auf etwas zeigen zu wollen.
Ajith kreischte und flog ein paar Baumwipfel nach vorne.
Aisha folgte ihm und schließlich landeten sie auf dem Boden und verwandelten sich zurück.
„Ich glaube wir haben die Quelle“, meinte Aisha.
Ajith nickte.
Die beiden schauten an einer riesigen Baute hoch.
Sie war aus Stein.
Sie wirkte bedrohlich.
„Das sieht aus wie ein …“
Ajith brach ab.
Das Gebäude flößte ihnen auf unbestimmte Art und Weise Angst ein.
Das Gebäude trug Verzierungen – Verzierungen, die den Magiern Angst machte.
Von Totenköpfen über den Tod persönlich war alles dabei.
„Wie ein Tempel“, beendete Aisha.
Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.
Beide bekamen eine Gänsehaut.
„Wir müssen da rein“, beschloss Aisha.
Kapitel VII
„Du kannst da nicht mit rein“, entschied Ajith.
„Wie bitte?!“, rief Aisha empört.
Alle Angst und Furcht und jeder Respekt vor dieser Baute war ver-schwunden.
Jetzt war Aisha sauer.
„Das ist zu gefährlich“, sagte Ajith.
Aisha schnaubte.
„Denk doch an Akasha“, versuchte Ajith, sie umzustimmen.
„Ich denke an sie, glaube mir. Und ich denke an dich! Akasha ist bei mir in Sicherheit“, versprach Aisha.
„Bist du dir sicher?“, fragte Ajith zweifelnd.
„Wehe, du beschwerst dich noch einmal darüber, ich würde dir nicht vertrauen!“, zischte Aisha.
„Aisha. Ich will doch nur nicht, dass dir etwas passiert!“, sagte Ajith.
„Ich will mit hinein!“, beharrte Aisha.
Ajith gab nach.
„Na gut“, sagte er.
Sie traten vor die Türe.
Sie war mit Gold verziert, dennoch strahlte sie etwas Tödliches aus.
Ajith berührte einen der Knöpfe, die als kleine Beulen zu erkennen waren.
Plötzlich sprang die Tür auf und ein Wolf stürzte daraus hervor.
Aisha schrie auf und beschwor sogleich ein flammendes Feld um sich.
So etwas reflexartig zu beschwören, war wichtig.
Und es war etwas, das Aisha zum Glück nicht schwer fiel.
Der Wolf jaulte auf, als er sich die Nase verbrannte.
Aisha wartete nicht lange und stieß dem Wolf einen Blitz in den Kör-per, der wie ein Schwert in seine Gedärme fuhr.
Der Wolf jaulte und fiel in sich zusammen.
„Ja, wir haben die Quelle“, stellte Aisha keuchend fest und zog die Flammen um sich herum zurück.
„Los, komm“, flüsterte Ajith und zog Aisha mit sich.
Sie betraten den Tempel.
Oder was auch immer dieses Gebäude war, so voller Pracht, Schönheit und Tod.
Plötzlich fiel die Tür hinter ihnen zu.
Akasha fing an zu schreien.
„Oh nein“, flüsterte Ajith und versuchte, die Tür wieder aufzustemmen, doch es gelang ihm nicht.
„Komm“, sagte Aisha und lief in den Saal.
Fackeln erleuchteten den Saal.
Doch es schien weder Licht noch Wärme zu bringen.
„Oh mein Gott!“, rief Aisha aus, sodass es im gesamten Saal wider-hallte.
Kapitel VIII
Aisha schnappte nach Luft.
„Was zum Teufel ist hier vorgegangen?“, fragte Ajith.
Vor ihnen lagen Skelette von Menschen.
Seltsam verkrümmt.
Die Knochen waren gut erhalten.
Aisha wurde kalt.
Es war die Kälte des Todes, die hier schon vor Jahren gewütet haben musste.
„Sie wurden gequält. Gefoltert“, hauchte Ajith.
Aisha nickte langsam.
„Los, komm“, flüsterte Ajith und zog sie weiter.
Sie betraten einen Gang, der aus dem Saal führte.
Von außen hatte der Tempel nicht sehr groß gewirkt, doch nun schien er unendlich zu sein.
Eine kleine Halle folgte auf den Gang, zwei weitere Gänge führten weiter.
„Warte hier, ich sehe mir diesen Gang an“, sagte Aisha.
„Gut, ruf mich, wenn ich kommen soll“, sagte Ajith.
Aisha nickte und gab ihm Akasha auf den Arm.
„Sei vorsichtig“, bat Ajith.
Aisha nickte wieder.
Sie betrat den Gang.
Die Fackeln dort schienen grünlich zu leuchten.
Aisha kam es vor, als hinge Nebel in der Luft.
Dann sah sie die Nebelschwaden.
Aisha warnte sich selbst, sie solle wieder fortlaufen, doch sie wollte nicht auf sich hören.
Die Neugierde hatte sie gepackt und sie lief weiter den Gang entlang.
Kälte umfing sie plötzlich, doch sie bekam keine Gänsehaut.
Schließlich verstummte auch ihre innere Stimme komplett.
Aisha bemerkte kurz bevor sie gegen die Wand lief, dass der Gang zu ende war.
Aisha fühlte ein seltsames Gefühl in ihrem Bauch.
Keine Angst und keine Furcht.
Es war etwas Anderes.
Aisha sah, dass etwas in die Wand gemeißelt war.
Langsam und leise las sie.
„Des Schwarzen Hand bist du entkommen,
Bis jetzt bist du dem Tod entronnen.
Sind deine Sinne nur noch wie ein Faden fein,
Könnte dies dein letzter Moment
im ,Tempel der gequälten Seelen‘ sein!“
Erst nach fünf Sekunden begriff Aisha die Worte.
Und das nur zur Hälfte.
Langsam drehte Aisha sich um.
Sie wollte rennen, schnell zurück zu Ajith, doch ihre Muskeln versag-ten, sie strauchelte und hielt sich an der Wand fest.
Sie begriff nicht, was mit ihr geschah, doch sie wusste, sie hatte einen schlimmen Fehler gemacht.
Aisha lief schwankend an der Wand entlang.
Sie hatte das Gefühl, im Nebel zu ersticken.
Plötzlich sah sie einen Schatten an sich vorbeihuschen.
Aisha bekam panische Angst.
Sie spürte einen eiskalten Hauch.
Der Hauch des Todes!
Sie sah den Schatten wieder.
Instinktiv beschwor sie die Flammen.
Doch sie brachten weder Wärme noch Schutz.
Aisha begann zu zittern.
Aisha schrie.
Sie warf einige Feuerbälle um sich.
Die Kälte fuhr ihr immer weiter in die Glieder.
Sie lähmte Aisha.
Stück für Stück.
Aisha fiel auf die Knie.
Schließlich wurde sie ohnmächtig und bewegte sich gar nicht mehr.
Kapitel IX
Langsam öffnete Aisha die Augen.
Die Kälte hatte sich über sie gelegt wie ein kaltes Leichentuch, so wie es der Nebel über den Wiesen tat.
Das erste, was sie sah, war der graue Boden.
Dann sah sie ein Feuer.
Ein scheinbar kaltes Feuer.
Denn Aisha war kalt.
„Aisha“, flüsterte jemand.
Aisha erkannte Ajiths Stimme.
„Gott sei Dank, du bist am Leben!“, rief Ajith.
Aisha wollte sich aufsetzen, doch sie schaffte es nicht.
Aisha lag in Ajiths Armen.
„Was ist passiert?“, fragte Aisha schwach.
„Du bist in den Gang da gegangen“, sagte Ajith.
„Ja, das weiß ich“, murmelte Aisha.
„Ich hab immer mal wieder in den Gang gesehen und nach einer Weile ist dort Nebel aufgestiegen“, erzählte Ajith. Er ist so dicht geworden, dass es aussah, als wäre nur noch Nebel in dem Gang, keine Luft mehr“, setzte Ajith fort. „Ich wollte hineingehen und dich suchen, aber … irgendetwas hat mich davon abgehalten. Vielleicht eine Art Instinkt“, meinte Ajith. „Aber dann hat sich der Nebel gelichtet und ich habe dich gesucht. Und ich habe dich gefunden.“
Aisha hörte kaum zu, sie war mehr damit beschäftigt, ihre Muskeln wieder unter Kontrolle zu bekommen und das leichte Zähneklappern zu stoppen.
Sie fror furchtbar, das Feuer brachte ihr keine Wärme.
„Mensch, weißt du, wie kalt du bist?“, fragte Ajith.
Aisha gab keine Antwort.
Sie versuchte zu begreifen, was geschehen war.
Todesschatten, die Kälte des Todes.
Es war beklemmend gewesen.
Noch nie war der Tod so nahe gewesen und das Leben so weit weg.
„Wo ist Akasha?“, fragte Aisha plötzlich.
„Da“, sagte Ajith. „Sie schläft.“
Aisha nickte beruhigt und starrte in das Feuer.
Sie spürte keine Wärme.
Aisha schaffte es nicht, die Augen offen zu halten.
Ajith und Akasha ging es gut, das war die Hauptsache.
Erschöpft schlief Aisha ein.
Kapitel X
Als Aisha aufwachte, spürte sie als erstes den eiskalten Boden.
Sie bekam eine Gänsehaut.
Das Feuer glühte nur noch schwach.
Aisha fühlte sich besser.
Ajith lag neben ihr.
In Aishas Arm lag Akasha.
Sie schlief friedlich.
Wie konnte Akasha hier nur schlafen?
„Na, bist du wach?“, fragte Ajith.
Aisha nickte.
„Komm, wir müssen sehen, dass wir hier rauskommen“, sagte Ajith und stand auf.
„Wenn es überhaupt einen Ausweg gibt“, meinte Aisha und erhob sich mühsam.
Ajith sah sie tadelnd an.
„Ich lasse nicht zu, dass wir drei hier verrotten, so wie die da“, sagte er und zeigte auf die Skelette.
„Hoffentlich ist dieser Gang nicht auch verdammt“, flüsterte Aisha ängstlich und zeigte auf den anderen Gang.
Ajith zuckte mit den Schultern.
„Ach ja, ging es denn bei dem anderen Gang weiter?“, fragte er.
Aisha schüttelte langsam den Kopf.
„Aber an der Wand, am Ende des Ganges, war etwas eingemeißelt“, sagte sie.
Dann wiederholte sie, was an der Wand gestanden hatte.
„Klingt wie eine fiese Drohung“, meinte Ajith.
„Ich lasse mir keine Angst mehr machen“, sagte Aisha.
„Gut. Also, versuchen wir es?“, fragte Ajith.
Aisha nickte entschlossen.
Sie ging voran.
„Sollte dieser Gang ähnlich sein wie der andere, würde ich es dieses Mal erkennen“, meinte Aisha.
„Oder es benebelt dich wieder sofort“, warf Ajith ein.
Aisha seufzte.
„Hey, das war kein Vorwurf“, sagte Ajith.
Aisha sah ihn aus traurigen, großen Augen an.
Er nahm sie vorsichtig in den Arm.
„Wir kommen hier heil wieder raus“, versprach er ihr.
Aisha nickte.
Dann lief sie weiter.
„Kein Nebel, die Fackeln sind normal“, sagte sie.
Sie lief immer weiter.
„Hier, hier steht wieder etwas!“, rief Aisha aus.
Ajith lief zu ihr.
Dieses Mal stand die Schrift auf der Seitenwand.
Ein Ende des Ganges war noch nicht in Sicht.
Kapitel XI
„Bis hier hin seid ihr nun gekommen,
Noch sind die Wege nicht vollkommen.
Lauft weiter, ihr seid auf gutem Pfad,
Doch überlegt euch gut
Welchen Schritt ihr machen tut!“
„Ihr?“, fragte Aisha.
„Woher kann derjenige, der das geschrieben hat, wissen, dass wir zu zweit oder mehr sind?“, fragte Ajith.
„Noch dazu wurde in der anderen Drohung von nur einer Person ge-sprochen“, meinte Aisha. „Das heißt …“
Ajith unterbrach Aisha.
„Ist das genauso geschrieben wie in dem anderen Gang?“, fragte er.
Aisha nickte.
Plötzlich zog das Bild von der Schrift noch einmal an ihr vorbei.
„Es war so dunkel und ich hatte die dicken Nebelschwaden vor mir. Außerdem war ich schon nicht mehr ganz da. Ich habe es für etwas Eingemeißeltes gehalten. Aber es war nicht gemeißelt…“,
Aisha lief ein Schauer über den Rücken.
„Das sieht aus wie Fingernägel! Jemand hat mit den Fingernägeln diese Botschaft in die Wand geritzt!“, sagte Aisha.
„Das sieht aus wie Blut“, meinte Ajith und zeigte auf einige rote Stellen an der Wand.
Aisha bekam wieder Panik.
„Hier redet er von zwei oder mehreren Personen. In dem anderen Gang nur von einer … von mir!“, rief Aisha.
Ajith sah Aisha fragend an.
„Der Geist …“, flüsterte sie.
„Aisha …?“, fragte Ajith irritiert.
„Das heißt … derjenige, der das geschrieben hat, wandelt immer noch unter uns!“, rief Aisha aus.
„Oh mein Gott, das glaubst du doch nicht im Ernst! Meinst du, Satan kommt höchstpersönlich zu uns um uns in den Wahnsinn zu treiben?“, fragte Ajith.
Aisha funkelte ihn böse an.
„Weißt du was? Ich gehe alleine! Wir sitzen hier in einer Todesfalle und dir fällt nichts Besseres ein, als dich über mich lustig zu machen? In einer Welt voller Wunder und Fluch glaubst du nicht an Überirdi-sches? Seh doch zu, wie du alleine hier rauskommst, Magier!“, fauchte Aisha enttäuscht, drückte ihm Akasha in die Arme und wandte sich ab.
Warum sie Ajith Akasha überlassen hatte, wusste sie nicht.
Traute sie sich selbst nichts zu?
Nein.
Aisha wollte nicht überlegen, sie lies Ajith stehen und lief den Gang weiter entlang.
Alleine.
„Aisha! Nicht!“, rief Ajith, doch Aisha wollte nicht hören.
Sie hörte seine Schritte, wie er ihr nachlief.
Sie hallten von den Wänden wider.
Aisha lief schneller, bis sie rannte.
Schließlich erreichte sie eine weitere Halle.
„Aisha!“, hörte sie, Ajith.
Immer noch.
Nein.
Er hatte es versaut.
Aisha hatte keine Lust, zurückzugehen und klein beizugeben.
Nein, dieses Mal nicht.
Kapitel XII
Die Halle war groß und weit.
Aisha überlegte nicht lange, sie lief in einen der Gänge.
Ajith schien sie verloren zu haben.
Aisha lief den Gang entlang, dieses Mal schnell genug, um nicht wieder in irgendeine Falle zu geraten.
Sie würde den Ausgang schon finden.
Sie erreichte das Ende des Ganges.
Sie?
Sie würde einen Ausgang finden?
Was war mit Akasha?
Aisha bekam Panik.
Wieder einmal.
Sie wollte sofort umdrehen und zurücklaufen, Ajith und Akasha su-chen, sofort!
Wie hatte sie Ajith nur Akasha überlassen können?
Sie vertraute ihm.
Und auf einmal wurde Aisha klar, wie sehr sie Ajith liebte.
Und Akasha.
Sie wollte zurück.
Gerade, als sie umdrehen wollte, fuhr plötzlich ein Gitter herunter.
Aisha war gefangen.
Aisha rüttelte kurz an dem Gitter, doch sie wusste, dass sie keine Chance hatte.
Aisha sah sich um.
Da!
Da war ein weiterer Gang.
Aisha lief an der Wand entlang.
Plötzlich fiel ihr Blick auf etwas Geschriebenes.
Es schien ebenfalls geritzt zu sein.
Das Blut glänzte.
Es war noch frisch.
Aisha bekam wieder Angst.
Aisha wollte gar nicht wissen, was wohl nun da geschrieben stand, doch schließlich las sie doch.
„Diese Trennung war wirklich dumm,
außerdem lauft ihr jetzt verkehrt herum.
Pass auf, dass du das überlebst,
wenn du wie jeder andere
stets nach Leben strebst!“
Aisha schnappte nach Luft.
Wer auch immer es geschrieben hatte, er war entweder ein Geist oder er konnte hellsehen, sodass er all das schon vor Jahren, Jahrhunderten oder Jahrtausenden wusste.
„Wer bist du?“, schrie sie in die leere Halle.
Sie bekam als Antwort nur ihr eigenes Echo.
Aisha wollte zum nächsten Tunnel laufen, als plötzlich aus dem Boden grüne Wolken stiegen.
Dieses Mal hatte Aisha keine Lust, die Wirkung auszuprobieren, son-dern hielt gleich die Luft an.
Sie lief zum nächsten Tunnel.
Die Wolken strichen über ihre Haut.
Sie waren angenehm warm.
Aisha wusste, dies konnte nur eine Falle sein.
Als Aisha den Gang erreichte, atmete sie auf.
Sie rannte schnell zum anderen Ende.
Dort wartete wieder eine Halle auf sie.
Zwei weitere Eingänge warteten auf sie.
Auf dem Boden lagen Skelette.
Ihre Knochen waren zersplittert, ihre Schädel gespalten.
Was mochte hier auf sie warten?
Plötzlich drang eine vertraute Stimme an ihr Ohr.
„Aisha!“, rief Ajith.
Kapitel XIII
„Ajith!“, rief Aisha erfreut.
Ajith war aus dem einem Gang gekommen.
Er hielt Akasha auf dem Arm.
„Aisha, da steht wieder etwas!“, rief Ajith.
Aisha sah auf die Wand neben sich.
„Dieser Tempel ist eine Qual,
sein Verstand war messerscharf,
was du jetzt,
nach vielen hundert Jahren
noch fühlen darfst!“
Plötzlich wurden Gitter vor die beiden Eingänge, aus denen Aisha und Ajith jeweils gekommen waren, gelassen.
„Ajith, pass auf!“, rief Aisha.
Ajith konnte im letzten Augenblick ausweichen, bevor das Messer, das aus der Decke sauste, den Stein am Boden zersplitterte.
Nacheinander sausten Messer von der Decke.
Aisha wich aus, wo sie konnte.
Genauso wie Ajith.
Schließlich war der Spuk vorbei.
Aisha lief zwischen den Messern hindurch und fiel Ajith um den Hals.
„Ajith, es tut mir so leid!“, flüsterte sie.
„Mir tut es auch leid. Ich habe es doch nicht so gemeint!“, sagte Ajith.
„Los, komm!“, rief Aisha und zog Ajith mit sich in den Gang, der noch nicht versperrt war.
Sie liefen den Gang entlang.
Er schien endlos zu sein.
Die Fackeln wurde jedes Mal etwas heller, sie bekamen mehr Farbe, wirkten lebendiger.
Aisha war sich nicht sicher, aber sie hatte das Gefühl, die Kälte, die sie schon seit Anfang ihrer Reise begleitete, würde langsam von ihr weichen.
Oder war es einfach die Hoffnung?
Ja, vielleicht war es die Hoffnung.
Aisha fühlte, wie es ihr immer besser ging.
Aisha fühlte … Magie an diesem seltsamen, mystischen und tödlichen Ort voller Schmerz, Schrecken und Qual.
Plötzlich war Aisha sich sicher: Sie, Ajith und Akasha würden den Tempel der gequälten Seelen sicher verlassen.
Kapitel XIV
Sie erreichten die nächste Halle.
Sie war hell erleuchtet.
Am Ende der Halle stand ein Thron.
Auf dem Thron saß jemand.
Zuerst dachte Aisha an Gott persönlich, doch dann schüttelte sie sich gegenüber den Kopf.
Der Mann war alt und gebrechlich.
Seine Augen waren leer und traurig.
Als er sie sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
„Ah, meine Retter“, sagte er.
Aisha glaubte, sich verhört zu haben.
„Retter?“, zischte sie. „Wir sind deine Retter nach all dem, was du uns angetan hast? Nachdem wir hier fast erstickt, erfroren und erstochen worden wären?“, rief sie.
Aisha war fest der Ansicht, dass der Tempel der gequälten Seelen von diesem Mann erbaut worden war.
Wozu denn sonst der Thron?
Der Mann lächelte.
„Ich hätte euch nicht umgebracht. Das ist ja schließlich nicht mein Tempel“, sagte der Mann.
Aisha blinzelte.
„Wie? Wem gehört er dann?“, fragte Aisha.
„Einem bösem Zauberer. Doch er ist vor einigen hundert Jahren ge-storben“, sagte der Mann.
„Wieso sind sie dann noch hier?“, fragte Aisha.
Der Mann seufzte.
„Ich war einst König über die Ländereien, die ihr heute ,andere Welt‘ nennt“, begann der Mann. „Der Zauberer war mein größter Feind. Vor über tausend Jahren nahm er mich gefangen und begann, diesen Tem-pel zu bauen. Er sperrte mich hier ein und …“
Er seufzte.
Aishas Blick fiel auf seine Hände.
Die Fingernägel waren eingerissen, seine Hände blutig.
Der König folgte ihrem Blick und seufzte wieder.
„Ja, ich habe versucht, mich zu befreien. Aber jeder Stahl und jeder Balken war härter als das, woraus Gebirge sind“, sagte er.
„Oh“, machte Aisha mitleidig.
„Also, der Zauberer versprach jenen, die mich finden würden, großen Reichtum und die Weltherrschaft. Viele tapfere Ritter, Krieger und Abenteurer versuchten ihr Glück“, sagte der König.
„Aber sie erstickten im Nebel, erfroren, verhungerten oder wurden von den Messern erstochen“, schlussfolgerte Ajith.
Der König nickte.
„Nun bin ich nur noch ein Geist, der hier bis ans Ende der Welt sitzen muss“, sagte er traurig.
„Es sei denn …“
„Es sei denn was?“, fragte Aisha.
Kapitel XV
Der König holte Luft und begann.
„Es sei denn, es würden zwei mutige, kluge und widerstandsfähige Kämpfer mich finden. Laut einer Prophezeiung sollen sie etwas haben, das mich befreit“, sagte er.
Aisha sah ihn mit großen Augen an.
„Sind wir diese beiden?“, fragte Aisha.
Der König zuckte mit den Schultern.
„Das kann nicht sein, wir haben nichts, was sie befreien kann“, meinte Ajith sofort.
„Na? Bist du dir da sicher?“, fragte der König.
„Was ist es?“, fragte Aisha.
„Tut mir leid. Hier darf ich euch nicht mehr helfen“, sagte der König.
Aisha dachte nach.
„Alles was ich dabei habe, ist …“
Aisha zog etwas aus ihrem Rock.
Ein schmales, zierliches Gläschen.
„Was ist denn das?“, fragte Ajith.
Aisha musterte ihn spöttisch.
„Das solltest du eigentlich am Besten wissen“, grinste sie.
In dem Gläschen pulsierte etwas.
Es war schwarz.
Der König sagte nichts, doch seine Augen glänzten plötzlich voller Lebensfreude.
„Das ist es! Jetzt habe ich endlich den Sinn!“, rief Aisha plötzlich aus.
„Hä?“, machte Ajith, doch er bekam keine Antwort.
Dafür sprudelte es dann aus Aisha heraus.
„Das ist der kleine Parasit, der die Menschen verrückt werden lässt! Nur ist es kein Parasit, sondern ein Stück eures Herzen!“, rief Aisha aus. „Er sollte die Menschen, die er zu Dämonen macht, hierher trei-ben! Dämonen sind stärker und widerstandsfähiger als Menschen, deshalb ist ihre Überlebenschance höher als die der Menschen!“
Aisha schlug die Faust in ihre Handfläche.
Der König deutete ein schwaches Nicken an.
Aisha stellte das Glas auf den Boden.
Das schwarze Ding klebte an dem Glas, das in Richtung König zeigte.
„Je näher es zu ihnen kommt, desto mehr wird es zu ihnen gezogen“, erkannte Aisha.
Wieder nickte der König.
Aisha kniete sich vor das Gläschen.
Kurz bevor sie den Korken öffnete, hielt sie inne und sah zum König.
„Werden sie nicht gehen, wenn ich das Glas öffne?“, fragte Aisha.
„Weißt du, wenn man Jahrhunderte auf einem Thron sitzt, durch einen Tempel geistert und sieht, wie täglich Menschen sterben, wünscht man sich, man wäre tot. Es sieht so aus, als würde sich mein Wunsch bald erfüllen“, sagte der König.
Aisha schluckte.
So war das also.
Das Leben war nach einer gewissen Zeit nichts mehr wert.
Leben?
Das, was der König hatte, war kein Leben.
Es war ewige Folter.
„Wollen sie das wirklich?“, fragte Aisha.
„Ja, öffne es, mein Kind“, sagte er.
Aisha holte Luft.
Dann nahm sie ihre Kraft zusammen und zog den Korken.
Das Stück Herz schwebte heraus, in die Luft.
Dann strahlte es golden auf und zischte als Lichtstrahl zum König.
Es traf auf seinem Körper auf und verpuffte.
„Danke, ich danke euch!“, rief der König.
Seine letzten Worte klangen leer und blechern.
Dann löste sich der alte Körper in Staub auf und verwehte.
Er fand einen Weg durch eine Luke im Dach und verschwand.
Aisha schluckte.
Eine Träne lief ihr über die Wange.
Sie atmete heftig.
Ihr Herz schlug höher.
Aisha ließ ihren Gefühlen freien Lauf.
Sie verstand selbst nicht, was sie für den alten König plötzlich emp-fand, doch es war wie eine Erlösung.
Aisha weinte.
Sie dachte an die traurigen, leeren Augen.
Und an das bisschen Lebensfreude, das er gerade noch gefühlt hatte.
Kapitel XVI
Aisha und Ajith flogen in ihrer tierischen Gestalt über das Gebirge hinweg.
Als Aisha Menschen und Häuser erkannte, kreischte sie und setzte zur Landung an.
Es waren die Menschen, mit denen sie einst zusammen in einem Dorf gewohnt hatten.
Sie landeten und verwandelten sich zurück.
Die Menschen jubelten, denn man hatte Aisha, Ajith und Akasha ver-loren geglaubt, für tot erklärt.
Doch die Magierfamilie lebte.
Die Dorfbewohner hatten neue Hütten gebaut.
Nun lag das Dorf zwischen Wald und See.
Sie hatten auch schon neue Felder angelegt
Aisha staunte.
Sie war glücklich.
Aisha sah aus dem Fenster.
Der Vollmond tauchte alles in silbriges Licht.
Akasha schlief in der Wiege, die der Dorfälteste für sie hatte machen lassen.
Die alte war ja verbrannt.
Aisha genoss es, wie sie, Ajith und Akasha von den Dorfbewohnern verehrt wurden.
Doch sie trugen auch die Verantwortung für das Dorf.
Noch einmal würde Aisha ihr Dorf nicht zerstören.
Sie hatten das Dorf Donec genannt – Hoffnung.
Aisha musste an den König denken.
Sie hoffte, wo immer er auch war, dass es ihm gut ging.
Hunderte Jahre hatte er auf seine Erlöser gewartet – und ausgerechnet sie waren es!
Seit der grausamen Lektion, die ihr im Tempel der gequälten Seelen erteilt worden war, wusste sie, was sie hatte.
Sie hatte Ajith.
Sie hatte Akasha.
Sie hatte ihr Dorf.
Sie hatte das Leben.
Ajith trat hinter sie.
Aisha lehnte sich an ihm an.
„Was denkst du?“, fragte Aisha.
In diesem Augenblick flog eine Sternschnuppe am Himmel entlang.
„Ich denke, wir haben alles, was wir brauchen“, sagte Ajith leise.
Aisha nickte.
„Ich habe dich“, fügte Ajith hinzu.
Aisha lächelte.
„Wir haben Akasha“, sagte sie.
Ajith nickte.
Aisha sah hinaus in den Sternenhimmel.
Dann betete sie.
Sie dachte an die vielen Menschen, die während dem Angriff der furchtbaren Wölfe gestorben waren.
Sie fragte sich, ob sie richtig gehandelt hatte.
Sie sah zum Mond und war sich sicher, dass sie es sonst nie mehr aus dem Tempel der gequälten Seelen geschafft hätten.
Ende