Aisha; das Vermächtnis der Dämonen
von Sel aus der Kategorie Roman
Aisha –
das Vermädchtnis der Dämonen
Kapitel I
Die kleine Siedlung lag verschlafen am Waldrand.
Die Sonne würde die nächsten Stunden noch nicht aufgehen.
Die Wolken hatten den Mond freigegeben, sein dämmriges, blaues Licht fiel auf den kleinen See.
Die Bäume rauschten.
Eine Ziege meckerte.
Das Bächlein plätscherte.
Eine Eule rief.
Aisha wachte auf.
Ihre kleine Kammer war dunkel, sie sah nichts.
Doch dann gewöhnten sich ihre Augen an das Dunkel.
Sie sah die Umrisse der in ihrer Kammer befindlichen Gegenstände.
Der Webstuhl, das Spinnrad, der kleine Karren und der Tisch.
Und natürlich die Betten ihrer zwei Schwestern und ihrer drei Brüder, mit denen sie sich ihr Zimmer teilte.
Durch das Fenster schien der Mond.
Plötzlich raschelte es.
Aisha setzte sich auf.
Da sprang etwas auf ihr Bett.
Erleichtert stellte Aisha fest, dass es nur ihre kleine, schwarze Katze Mira war.
„Mira, erschreck mich nicht immer so“, lachte Aisha.
Mira schnurrte nur und kuschelte sich in Aishas Armbeuge.
Aisha ließ sich wieder zurück auf ihr Lager gleiten.
Ihre Geschwister schliefen alle.
Sie war die Zweitälteste.
Nur eine ihrer Schwestern war älter als sie, Vanessa war sechszehn Jahre alt.
Bald würde Vanessa heiraten.
Und dann wäre sie an der Reihe, sie, Aisha.
Ihre drei Brüder waren drei, vier und fünf Jahre alt, ihre zweite Schwester neun.
Und sie selbst hatte inzwischen dreizehn Winter gesehen.
Aisha zog sich die grobe Decke bis zum Hals.
Die Wolle kratzte und besonders warm hielt sie auch nicht.
Doch es war kalt.
Es war Herbst, die Ernte war eingeholt, die Blumen verblühten.
Aisha dachte an den vergangenen Sommer zurück.
Bis auf das Rudel Wölfe, das sich im Dorf verlaufen hatte und mit Gewalt vertrieben worden war, war der Sommer gut zu ertragen gewe-sen. Die Nächte waren nicht sehr kalt, zuweilen brauchte man sogar keine Decke mehr.
Doch jetzt war es Herbst geworden, der Boden voller rotem und brau-nem Laub und die Nächte kalt und hart.
Und der Winter würde Schnee und Eis mit sich bringen.
Aisha fröstelte bei dem Gedanken.
Oder war es der Luftzug, der durch das Fenster kam?
Oder beides?
Sie würden Tiere verlieren.
Menschen.
Menschen würden sterben, ob an der Kälte, an Fieber oder einfach aus Altersschwäche, es würde ein harter Winter werden.
Neben Aishas Bett stand ein Sack Hafer.
Es war eine gute Ernte gewesen.
Es würde sie sicher durch den Winter bringen.
Sie, Aisha.
Vielleicht würde sie aber auch Fieber, Schnupfen oder Husten kriegen und sterben, so wie es ihrer Großmutter letzten Winter ergangen war.
Sollte ihr Leben bei vierzehn Wintern enden?
Aisha verbannte all die düsteren Gedanken an die kalte Jahreszeit aus ihrem Kopf.
Sie war zu jung, um sich über so etwas Gedanken zu machen.
Als die Eule das nächste Mal rief, war Aisha bereits wieder einge-schlafen.
Kapitel II
Aisha saß am Spinnrad und spann die Wolle zu Garn.
Daneben saß Vanessa am Webstuhl.
„Mutter und Vater haben sich entschieden“, sagte Vanessa, den Blick auf den Webstuhl gerichtet.
„Ich verstehe nicht. Was meinst du?“, fragte Aisha.
Vanessa seufzte.
„Sie haben mich verlobt.“
„Glückwunsch!“, rief Aisha, lauter als sie es beabsichtigt hatte.
Vanessa nickte einen schwachen Dank.
„Was ist es für einer?“, fragte Aisha.
„Ein reicher Händler aus der Stadt. Das heißt, als Händler hat er natür-lich keinen festen Wohnsitz. Aber er ist sehr wohlhabend. Er handelt mit wertvollen Metallen und Waffen“, antwortete Vanessa.
Aisha legte den Kopf schief.
„Was ist?“, fragte sie.
Sie sah, dass ihre große Schwester etwas bedrückte.
„Ach, es ist nur so…ein Händler! Ich habe immer auf dem Feld gear-beitet, Tiere gehütet und Menschen gekannt. Das alles werde ich nicht mehr haben“, meinte Vanessa betrübt.
„Ach komm! Die Hälfte deines Lebens hast du hier gelebt, die andere Hälfte darfst du die Welt sehen. An der Seite eines Händlers!“, rief Aisha.
Vanessa lächelte schwach.
„Ja, vielleicht hast du recht“, lenkte das blonde Mädchen ein.
Aisha lächelte ihr aufmunternd zu.
„Ob das ein netter Kerl ist?“, fragte Vanessa leise.
„Bestimmt. Die meisten sind heute sehr anständig. Mal ganz abgesehen von den jungen Kerlen in unserem Dorf“, grinste Aisha.
Vanessa lachte.
„Stimmt“, sagte sie.
„Lache deinem Schicksal entgegen“, sagte Aisha.
„Besser kommt es sowieso nicht“, ergänzte Vanessa.
„Ich hoffe, Großmutter behält recht“, meinte Aisha.
„Pass auf, sie hört dich!“, kicherte Vanessa.
Die beiden Mädchen kicherten gemeinsam, bis ihr Vater sie zum Wei-terarbeiten aufforderte.
Aisha freute sich, dass sie Vanessas Sorgen kleingeredet hatte.
Kapitel III
Aisha wrang ihre nassen Haare aus.
Bei dieser Kälte war das Waschen kein Vergnügen.
Sie saß am See und kämmte ihre nassen Haare.
Aisha hatte das Gefühl, dass ihr Kopf gleich gesprengt würde, so eisig war das Wasser.
Bald würde es gefrieren und der See würde sich vom Land nicht mehr unterscheiden.
Die Wiese war nass, getränkt vom Tau und vom Reif.
Da, wo die Sonne aufgrund der Baumschatten nicht hinkam, war die Wiese noch weiß.
Die Sonne hatte kaum noch Kraft.
Die Tage wurden immer kürzer.
Aisha fragte sich, warum die Menschen nicht auch Winterschlaf hielten wie die Bären, die Eichhörnchen und die Stinktiere.
Dann wäre vieles einfacher.
Aber sie war keine Bärin, auch kein Eichhörnchen oder ein Stinktier.
Sie war ein Mensch.
Und Menschen waren anscheinend dazu verdammt, den Winter über zu hungern, Krankheiten zu bekommen und eventuell zu sterben.
Vielleicht hatte der Priester recht.
Vielleicht hatten sie doch zu viele Sünden begangen.
Aisha forschte in ihrem Gewissen nach.
Ja, sie hatte gesündigt.
Ein bisschen.
Sie hatte am Morgen eine Hand voll Hafer gegessen, so hungrig war sie gewesen.
War das ein Grund, sie umzubringen durch Kälte und Krankheit?
Nein, wirklich nicht.
Aisha forschte weiter, ob sie vielleicht dazu verdammt war, diesen Winter zu sterben.
Na ja…
Sie hatte ihrem kleinen Bruder Daniel eine Ohrfeige gegeben, weil er ihr immer ihre Wolle wegnahm.
Aber war das nicht Notwehr gewesen?
Doch, Aisha war sich sicher.
Sonst hatte sie nichts getan.
Der Vater im Himmel würde über sie wachen.
Und außerdem hieß es immer in allen Predigten, der Herr würde die entlaufenen Schafe wieder zu sich holen anstatt sie zu strafen.
Aber zu sich holen konnte zweierlei Bedeutungen haben…
Kapitel IV
Ein Käuzchen rief.
Die Kälte der Nacht hatte den Neben zu Reif werden lassen und die Wiese glitzerte im Mondschein wie ein Meer aus Diamanten.
Aisha wachte wieder auf.
Sie fröstelte.
Ihre Decke war weg.
„Mira?“, fragte sie in die Dunkelheit.
Da fühlte sie das kleine Fellknäul, das neben ihr lag.
Die Katze schnurrte leise.
Aisha sah zur Seite, ob die Decke vielleicht hinuntergefallen war.
Der Mond schien gespenstisch in die Kammer.
Es war Vollmond.
Aisha erschrak, als sie eine dunkle Gestalt sah.
Sie kniff kurz die Augen zu und öffnete sie wieder.
Doch die Gestalt stand da.
War es ihr Vater?
Vanessa?
Ihre Mutter?
Ihr Großvater?
Aisha bekam Angst.
Die Gestalt kam näher.
Aisha spürte eine unbestimmte Kälte, die ihr Blut stocken ließ und ihre Glieder steif machte.
Eine andere Kälte als die des Herbstes und des Winters.
Der Tod!
Er kam sie holen.
Und plötzlich schrie Aisha.
So laut, dass sie dachte, sie würde taub werden.
Sie schrie noch lauter, die Gestalt kam noch näher.
Ihre Finger krallten sich in das Laken.
Plötzlich fingen die Leinen Feuer.
Ihre Geschwister waren aufgewacht.
Das Feuer griff auf die Getreidesäcke über, auf die anderen Laken.
Aisha sah die Gestalt, die Feuer fing und sich in Rauch auflöste.
Aisha sprang auf, zum Fenster hinaus.
Das Haus brannte wie eine riesige Fackel.
Aisha fiel auf die Knie.
Sie war erschöpft, die Todeskälte war verschwunden, nur noch die Kälte der Nacht war da.
Der Reif brannte an ihren Knien.
Als sie aufsah, sah sie den Priester des Dorfes.
Plötzlich bekam sie einen dumpfen Schlag am Kopf.
Dann wurde alles dunkel.
Kapitel V
Das ganze Dorf hatte sich um sie versammelt.
Aisha vernahm mehrmals das Wort Hexe.
Aisha bemerkte die Fessel, die sie mit dem Pfosten verband, an dem sie lehnte.
Plötzlich fiel ihr die letzte Nacht.
Sie hatte das Haus entzündet.
Oder war es die Gestalt gewesen?
Aber das Feuer hatte dort angefangen, wo ihre Finger das Laken um-klammert hatten.
War sie eine Hexe?
Sie war eine Hexe.
Aisha fröstelte, sie saß auf der bereiften Wiese.
Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen.
„Bitte, Priester! Sie ist keine Hexe!“, flehte Aishas Mutter den Priester an.
„Ich habe es durch das Fenster gesehen. Sie hat das Feuer entzündet“, beharrte der Priester.
Was war mit der Gestalt?
Hatte die niemand gesehen?
War sie vielleicht verrückt?
Vielleicht.
„Bist du eine Hexe?“, fragte der Priester.
Aisha schloss die Augen.
Würde sie nicht so oder so sterben?
Würde sie nicht vielleicht an der Folter sterben, die sie erwartete, wenn sie nein sagte?
Sie würde verbrannt werden, wenn sie ja sagte.
Und genau genommen hatte sie ja gehext.
Auch wenn sie nicht wusste, wie.
Als sie die Augen wieder öffnete, sagte sie klar und deutlich: „Ja.“
Ein Tumult brach um sie herum los.
Ihre Familie, die das Feuer überlebt hatte, sah sie fassungslos an.
Aisha wusste, das war das Anfang vom Ende.
Aisha wusste, sie hatte nicht mehr lang zu leben.
„Also werden wir die Höchstrafe anwenden: Pflocken“, verkündete der Priester.
Aisha sah den Priester verzweifelt an.
„Bitte, lasst sie am Leben!“, rief Aishas Mutter.
Aisha kämpfte mit den Tränen.
Nicht den Tod durch Feuer, den sie erwartet hatte, sondern aufgespießt werden wie ein Spanferkel!
Aber Spanferkel waren schon tot.
Sie würde ihren Tod dabei finden.
„Willst du noch etwas sagen?“, fragte der Priester.
Aisha schloss abermals die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, hoffte sie, dass ihre braunen Augen funkel-ten und Unerschrockenheit ausstrahlten.
„Mögen eure Predigten der Wahrheit entsprechen und Gott seine ent-laufenen Schafe tatsächlich wieder zu sich holen!“, sagte sie. „Möge sich Gott euch erbarmen!“
Der Priester wurde knallrot.
Und wütend.
„Morgen früh werden wir sie aufspießen wie unsere Spanferkel am Erntedankfest!“, rief er und es klang wie eine Drohung.
Und das war es ja auch.
Kapitel VI
Aisha zerrte an ihren Fesseln.
Die Sonne würde gleich aufgehen.
Eine Träne lief ihre Wange hinunter.
Aisha dachte, sie würde noch auf ihrer Haut zu Eis werden.
Ihre Glieder waren steif, sie konnte sich kaum bewegen.
Die Ketten waren aus Bronze, sich loszureißen war unmöglich.
Also würde sie so enden.
Zuerst durchbohrt und dann verbrannt.
Aisha weinte, doch keiner erbarmte sich ihr.
Die Menschen waren gegangen.
In ihre warmen Häuser.
Noch immer war die Sonne nicht aufgegangen.
Aisha hätte es nicht gewundert, wenn eine Welle aus Eis über die Wiese und den See gerollt wäre, See und Wiese vereist und alles Leben vernichtet hätte.
„Warum ich?“, rief sie in die Nacht. „Warum hast du mir etwas solches angehängt, Gott?“, klagte sie. „Ich war ein ganz normales Mädchen, das hier leben könnte!“
Aisha stutzte.
Sie wusste, viele unschuldige, normale Mädchen und Frauen wurden jedes Jahr verbrannt.
Diese konnten sich nicht wehren.
Aber sie…
Sie hatte Feuer geschaffen!
Aisha griff entschlossen die Kette, umklammerte sie ganz fest.
Und plötzlich färbte sich das rotbraun rot-orange!
Es schmolz!
Aisha war so geschockt, dass sie die Kette nicht losließ und dachte, ihre Hand würde verbrennen.
Vorsichtig nahm sie ihre Hand weg.
Ihre Hand war unversehrt.
Die Kette war zähflüssig.
Aisha zog die Kette auseinander.
Dann erkaltete das Metall wieder und das Ende am Pfosten hatte eine Spitze und das Ende, das sie am Handgelenk hatte, ebenfalls.
Sie hatte die Kette geschmolzen.
Aisha sprang auf und lief.
Sie lief über die vereiste Wiese.
Sie hörte einige Rufe hinter sich.
Der Priester!
Aisha lief weiter.
Schließlich gelangte sie zum Wald.
Hier würde sie keiner finden.
Niemals.
Kapitel VII
Aisha war erschöpft.
Sie glitt an einem Baum nach unten.
Hunger und Kälte plagte sie.
Sie war zu schwach, um weiter zu laufen.
Sie hatte ein paar Buchecker und einige Beeren gefunden, doch das half nicht.
Dann würde sie also verhungern?
Aisha stand auf.
Sie war müde.
Doch sie hatte Angst.
Sie lief weiter.
Was sollte sie essen?
Niemals hatte sie gelernt, zu jagen.
Wie sollte sie auch, sie hatte nichts.
Plötzlich sprang ein Reh vor sie.
Aisha erschrak beinahe genauso wie das Reh.
Das Reh sah sie aus braunen Augen an.
Aisha bewegte sich nicht.
Da kam das Reh näher.
Aisha streckte vorsichtig eine Hand aus.
Das Reh stupste ihre Hand an.
Aisha lächelte.
Zum ersten Mal seit langem konnte sie wieder lächeln, so kam es ihr jedenfalls vor.
Das Reh zog vorsichtig an der Kette, die sie immer noch um das Handgelenk trug.
„Willst du mir etwas zeigen?“, fragte Aisha und lief dem Reh vorsichtig nach.
Sie liefen einige Schritte durch den Wald.
Schließlich lichtete sich der Wald.
Zuerst dachte Aisha, sie wäre wieder bei ihrer Siedlung.
Doch dann war sie sich sicher, sie war auf der anderen Seite des großen Waldes.
Vor ihr erstreckte sich ein Haferfeld.
Davor floss ein kleiner Bach.
„Danke!“, rieKapitel VIII
Aisha trank noch ein wenig und wollte dann weiter laufen.
Aber wohin?
Hinter dem Feld lag noch eine grüne Wiese und dahinter ein Gebirge.
Da landete ein Vogel vor ihr.
Eine Krähe.
Krähen bedeuteten Tod und Krankheit, hatte der Priester gesagt.
Doch er hatte sie schließlich auch zum Tode verurteilt.
Aisha beschloss, ihre eigenen Erfahrungen zu machen.
Der Vogel krächzte.
Dann packte er die Kette und zog daran.
„Willst du mir auch etwas zeigen?“, fragte Aisha.
Der Vogel hüpfte mit der Kette im Schnabel in das Feld.
Aisha lief ihm nach.
Sie liefen durch das Feld.
Aisha hatte gemischte Gefühle.
Wenn diese Vögel doch die Vögel von Hexen waren?
Aber sie war ja selbst eine, also konnte es ihr egal sein.
Die Krähe hüpfte auch über die Wiese hinweg.
Schließlich blieb sie stehen.
Aisha sah nach oben.
Das Gebirge ragte vor ihr auf.
Eine Treppe führte den Felsen nach oben.
Doch es war steil.
Als Aisha wieder nach unten sah, war die Krähe verschwunden.
„Verdammt!“, rief sie entzürnt. „Warum hast du mich hierher gebracht, du zerzauster Hexenvogel?“
Plötzlich meckerte etwas hinter ihr.
Sie drehte sich um.
Hinter ihr stand eine schneeweiße Ziege.
Eine Bergziege.
Aisha streichelte die Ziege vorsichtig.
Die Ziege schnappte ebenfalls nach der Kette.
Sie zog Aisha zu der bröckeligen Treppe.
Aisha folgte der Ziege.
Mehrmals rutschte sie ab und wäre fast in die Tiefe gestürzt, doch die Ziege war stark und hielt sie.
Schließlich erreichten sie ein Plateau.
„Und jetzt?“, fragte Aisha.
„Aisha“, flüsterte eine Stimme.
Kapitel IX
Aisha zuckte zusammen und sah sich um.
Sie fühlte einen eiskalten Hauch.
Wie in der Nacht, als sie ihr Haus zerstörte.
Plötzlich tauchte eine Gestalt auf.
Schwarz.
Kein Gesicht, keine Farben.
Wie ein Schatten.
Sie fühlte die Kälte, die sie lähmte.
Die Ziege war verschwunden.
Waren Reh, Krähe und Ziege Vorboten des Todes gewesen?
Plötzlich nahm der Schatten Gestalt an.
Es war ein älterer Mann.
„Aisha“, sagte der Mann.
Die Kälte verschwand langsam.
„Danke, dass du hierher gekommen bist“, sagte der Mann.
Aisha nickte automatisch.
Plötzlich tauchte das Reh neben dem Mann auf.
Dann die Krähe.
Und dann die Ziege.
„Das sind meine Töchter. Sie haben dich hierher gebracht“, sagte der Mann.
Aisha zog die Augenbrauen zusammen.
„Ein Reh“, sagte sie ungläubig. „Und eine Krähe. Und eine Ziege.“
Plötzlich verwandelte sich das Reh in eine junge, braunhaarige Frau.
Die Krähe verwandelte sich in eine schwarzhaarige junge Frau.
Mit einem Mal verwandelte sich die Ziege in eine blonde Frau.
„Es war mir eine Ehre, dich zu dem Feld und dem Bach zu führen“, sagte die braunhaarige und jüngste Frau.
„Wenn du dich für den zerzausten Hexenvogel entschuldigen willst, ist das jetzt ein geeigneter Augenblick“, meinte das schwarzhaarige Mädchen und verschränkte die Arme.
„Ich habe dir gerne das Gebirge hinaufgeholfen“, sagte die blonde junge Frau und lächelte.
„Entschuldige bitte“, sagte Aisha und sah die schwarzhaarige Frau flehend an.
Doch diese nickte und lächelte.
„Also, da du jetzt hier bist und ihr euch jetzt kennengelernt habt, kann ich ja mal anfangen“, sagte der Mann.
„Womit?“, fragte Aisha.
„Also, ich bin Larry. Das sind meine Töchter Irene, Cecilia und Ane-ba“, sagte der Mann.
Die Mädchen verwandelten sich plötzlich wieder zurück in ihre Tier-gestalt.
„Sind sie verwünscht?“, fragte Aisha.
„Oh nein, wir sind…“
Aisha unterbrach Larry.
„Hexen!“, fauchte sie und trat einen Schritt zurück.
„Nein, Magier“, sagte Larry ruhig.
„Warst du die Gestalt in meinem Zimmer?“, fragte Aisha voller Hass.
Larry nickte.
„Du hättest mich fast auf den Scheiterhaufen gebracht!“, rief Aisha.
„Nein, auf den Scheiterhaufen hättest nur du dich fast gebracht. Du hast schließlich das Feuer entzündet“, sagte Larry gelassen.
Aisha sah auf ihre Hände.
„Also war das doch ich“, murmelte sie.
Dann sah sie auf.
„Wie ist so etwas möglich?“, fragte sie.
„Du bist eine Magierin, Aisha“, sagte Larry.
Aisha sah ihn fassungslos an.
Kapitel X
Das Feuer brachte keine Wärme.
Aisha lag am Feuer.
Was Larry gesagt hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf.
Aisha zitterte.
„Hey“, sagte das braunhaarige Mädchen, Irene.
Sie hatte wieder ihre menschliche Gestalt.
„Warum zitterst du denn?“, fragte Irene.
„Ihr seid…Hexen“, sagte Aisha.
Ein unbestimmter Hass schwang in ihrer Stimme mit.
„Nein, Magier. Wir können zaubern. Aber es gibt nur noch wenige Magier“, sagte Irene.
„Ihr seid verrückt“, sagte Aisha.
„Ja, vielleicht“, meinte Irene und warf einen Holzscheit ins Feuer.
„Warum habt ihr mich hierher gebracht?“, fragte Aisha und setzte sich auf.
„Morgen. Das sagen wir dir morgen. Schlaf erst einmal“, sagte Irene.
Aisha nickte.
Irene entfernte sich wieder.
Aisha versuchte, ihre Gedanken festzuhalten.
Wie Heuschrecken im Sommer flogen sie in ihrem Kopf hin und her und bereiteten ihr Kopfschmerzen.
Sie war eine Magierin.
Konnte das sein?
Aisha hörte langsam auf zu zittern.
Sie dachte an ihr zu Hause.
An das zu Hause, das nicht mehr ihr zu Hause war.
Es war zerstört.
Ihre Familie war zerstört.
Durch sie.
Diese verdammten Magier.
Larry, Irene, Cecilia und Aneba.
Es waren Hexen, da war sich Aisha sicher.
Sie konnten zaubern.
So wie sie es selbst auch konnte.
Aisha begann wieder, zu frösteln.
Sie war müde.
Aber nicht mehr hungrig oder durstig.
Aber sie fühlte sich einsam.
Schließlich schlief sie erschöpft ein.
Kapitel XI
Als sie aufwachte, war das Feuer erloschen.
„Aisha?“, fragte jemand.
Es war Irene.
Aisha setzte sich hin.
„Was wollt ihr mit mir?“, fragte Aisha.
Sie stand auf.
„Ich bin bereit!“
Larry, Cecilia und Aneba tauchten auf.
„Wir brauchen deine Hilfe“, sagte Larry.
„Bei was?“, fragte Aisha.
„Bei etwas, das in diesem Gebirge liegt. Es wird über das Schicksal dieser Welt entscheiden“, sagte Larry.
„Was genau ist das?“, fragte Aisha.
„Komm mit, wir zeigen es dir“, sagte Larry.
Aisha folgte den Magiern.
Sie liefen auf der anderen Seite des Gebirges eine Treppe hinunter.
Dann endete die Treppe an einer Feldwand, ein Seil sicherte sie ein bisschen.
„Siehst du etwas?“, fragte Larry.
Aisha sah auf die Felswand und ließ ihre Finger darüber gleiten.
„Hier ist ein Zeichen“, sagte sie und fuhr mit den Fingern darüber.
Plötzlich schob sich die Felswand zur Seite und gab eine Öffnung frei.
„Genau“, sagte Larry und ging voran.
Sie liefen eine Treppe hinunter, die tief in die Dunkelheit führte.
Larry nahm eine Fackel aus einer Halterung.
Dann fuhr er mit der Hand über den Kopf der Fackel und als er sie wegnahm, loderte Feuer auf.
Aisha sah ihn fasziniert an.
„Versuch es“, sagte Larry und hielt Aisha eine weitere Fackel hin.
Aisha nahm sie und umfasste den Kopf der Fackel.
Sie schloss kurz die Augen, dann gab sie die Fackel frei.
Flammen loderten auf.
Aisha lächelte.
„Sehr gut“, sagte Larry und folgte weiter dem Gang.
Es wurde immer wärmer.
„Aneba, wärst du so nett und…“, begann Larry und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Aneba nickte und hob die Hände.
Plötzlich umgab Aisha lindernde Kälte.
Ein Eiskonstrukt hatte sich um sie gebildet.
„Mach dir keine Sorgen. Das Eis schmilzt nicht, es erfriert uns auch nicht, aber es schützt uns vor der Hitze“, sagte Lara.
„Da, dafür brauchen wir dich“, sagte Larry und zeigte weiter den gang entlang.
Was Aisha sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Kapitel XII
Ein riesiger Raum tat sich vor ihnen auf.
Lavafälle flossen links und rechts zähflüssig von den Felsen.
Eine Brücke überbrückte den Kanal der nur mit Lava gefüllt war.
„Da“, sagte Larry und zeigte auf einige Gestalten, die um eine Art Altar herum standen. „Dämonen“, sagte er.
„Dämonen?“, fragte Aisha.
„Sie wollen die Weltherrschaft übernehmen“, sagte Larry.
Die Dämonen redeten miteinander.
Plötzlich gellte es einen schriller Schrei durch die Halle.
Ein Dämon zerfetzte den anderen.
„Sie tragen Wettkämpfe aus. Und es gibt nur einen, der gewinnen kann. Und dieser eine wird ihr neuer Anführer. Ihr alter muss seinen Titel verteidigen“, sagte Larry und zeigte auf den Dämon, der den Kampf gewonnen hatte.
„Sie wissen, dass wir hier stehen“, sagte Aneba.
„Wieso machen sie dann so unbekümmert weiter?“, fragte Aisha.
„Weil sie wissen, dass wir ihr Reich nicht betreten können“, sagte Larry und zeigte auf den Dämon, der den letzten Wettkampf gewonnen hatte.
„Warum braucht ihr mich für so etwas?“, fragte Aisha.
„Weil du es betreten kannst“, sagte Irene.
„Du musst zu ihnen. Du musst mit ihnen Kontakt aufnehmen“, sagte Larry.
„Warum?“, fragte Aisha.
„Sie kennen dich nicht“, sagte Cecilia.
„Gegen Dämonen kämpfen. Aha.“
„Bitte“, sagte Larry.
Aisha holte Luft.
„Aber was kann ich denn schon gegen Dämonen ausrichten? Ich kann doch nicht einmal halb so gut zaubern wie ihr!“
Larry lächelte.
„Das wollen wir noch ändern“, sagte Larry.
„Wie denn?“, fragte Aisha.
„Du wirst Unterricht bekommen“, sagte Larry.
„Von uns“, fügte Irene hinzu.
„Na gut. Fangen wir an!“, sagte Aisha.
Kapitel XIII
„Oh Gott, ich bin verrückt“, stöhnte Aisha, als Larry ihr einige Zauber zeigte.
„Nein, nur talentiert“, grinste Larry.
Aisha verdrehte die Augen und legte ihre Hände ineinander.
Sie begann, den Feuerzauber zu formen.
„Der Feuerzauber ist einer der einfachsten Zauber, aber auch einer der gefährlichsten Waffen“, sagte Larry.
Aisha sah kurz zu Larry.
„Schau auf das Ziel!“, ermahnte der alte Mann sie.
Aisha sah schnell wieder nach vorne.
Inzwischen hielt sie in der Hand eine Kugel aus Feuer.
Ihre Flammen leckten nach ihrer Haut, doch Aisha war für sie unan-tastbar.
Aisha holte aus und schleuderte die Kugel auf die Zielscheibe.
Das Stroh verbrannte.
„Los, löschen!“, rief Larry.
Aisha geriet in Hektik.
Die Flammen drohten auf das Seil überzugreifen, welches um das ge-samte Plateau gespannt war.
„Verdammt!“, rief Aisha.
Irene griff ein.
Ein Hagel aus Wasser ging über der Zielscheibe los und erstickte die Flammen beinahe sofort.
„Magier sind ruhig und gelassen. Komm, nochmal“, ermutigte Larry sie. „Das schaffst du!“
Wieder ließ Aisha eine Feuerkugel entstehen und warf sie auf die Zielscheibe.
Die Flammen fraßen das Stroh.
Aisha suchte nach kühlen Gedanken.
Endlich fand sie, was sie suchte.
Sie formte eine Eiskugel und schleuderte sie auf das Ziel.
Eine Eisdecke überzog die Scheibe.
„Ups“, machte Aisha.
„Auch nicht schlecht“, meinte Larry.
Aisha grinste.
Sie übte immer weiter.
Doch sie glaubte noch immer nicht an sich.
Kapitel XIV
„Das geht nicht!“, stellte Aisha enttäuscht fest.
„Das sagst du immer. Lass dich frei!“, rief Larry.
Aisha sah ihn zweifelnd an.
Seit Wochen – oder waren es Monate? – übte sie.
Es war Winter geworden, doch Aisha hatte keine Zeit, sich darüber Sorgen zu machen.
Sie hatte ganz andere Sorgen.
Sie schaffte es nicht.
Nicht sofort.
„Wie denn?“, fragte sie.
„Lass alles andere hinter dir! Wenn du kämpfst, gibt es nur noch dich, den Gegner und das Feuer“, sagte Larry.
Aisha seufzte.
„Also, duellieren wir uns nochmals“, sagte er.
Er stellte sich auf die gegenüberliegende Seite des Plateaus.
Aisha atmete ein.
Sie sollte alles hinter sich lassen.
Ihr Dorf.
Ihre Familie.
Ihr vergangenes Leben.
Gut!
Dann sollte es so sein.
Aisha fühlte die Energie.
Die Energie, die sich seit mehr als dreizehn Wintern in ihr angestaut hatte.
Und nun ließ sie diese Energie frei.
Sie fühlte die Freude, die Wut, den Schmerz die sie in ihrem Leben schon gefühlt hatte.
Die Freude, als ihr kleiner Bruder geboren worden war.
Die Wut, die sie vor kurzem erst in sich gefühlt hatte – die Wut auf sich selbst, weil sie versagte.
Den Schmerz, den sie gefühlt hatte, als ihre Großmutter starb.
Alles vereinte sich zu Energie in ihr.
Sie ließ das Feuer entstehen.
Alles Energie.
Sie vergaß, wer ihr Gegner war.
Und plötzlich ging alles wie von selbst.
Bilder aus ihrem Leben zogen an ihr vorbei.
Plötzlich riss sie etwas aus ihren Gedanken.
Larrys Schrei.
Aisha kam wieder zu sich.
Larrys Gewand brannte.
Doch Irene, Cecilia und Aneba hatten schon gehandelt, die Flammen gelöscht und waren zu ihrem Vater geeilt.
„Larry!“, rief nun auch Aisha.
„Alles in Ordnung“, sagte Larry.
Er hustete.
Sein Gewand war schwarz.
„Na Gott sei Dank hatte ich einen Feuerschutz aktiviert“, grinste er. „Du hast wirklich eine starke Gabe.“
Aisha nickte.
„Ich habe es gefühlt. Die Energie. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, richtig zu leben“, sagte sie.
Larry nickte.
„Jetzt ist es Zeit, dich in den restlichen Teil einzuweihen“, sagte der alte Magier.
Kapitel XV
„Erzähl“, forderte Aisha den Magier auf.
„Also. Wir alle haben zwei Gestalten. Eine menschliche und eine tie-rische Gestalt“, sagte er.
„Ja, ich weiß. Irene die eines Rehs, Cecilia die einer Krähe und Aneba die einer Bergziege. Und du?“, fragte Aisha.
„Ich habe die Gestalt eines Marders“, sagte Larry.
Aisha kicherte bei der Vorstellung.
Ihr strenger Lehrer als Marder!
„Pass auf, Marder sind gefährliche Raubtiere“, sagte Larry und knurrte lachend.
„Und ich?“, fragte Aisha.
„Welches Tier bewunderst du am meisten?“, fragte Larry. „Denke ganz fest an dieses Tier, aber sag es nicht“, sagte Larry.
Aisha nickte.
Welche Tier war es?
War es der Hund, weil er Eindringlinge verjagte und den Mut besaß, auf eine ganze Schafherde aufzupassen?
Nein.
War es die Katze, weil sie so leise, so lautlos schleichen konnte?
Nein.
Die schmerzliche Erinnerung an Mira überfiel Aisha.
Aisha schüttelte sie ab.
Es war der Adler, der Aisha so faszinierte.
Er flog so hoch oben am Himmel.
Er war so majestätisch.
Aisha bewunderte ihn mehr als Hunde oder Katzen.
Plötzlich spürte sie eine heiße Woge durch ihren Körper fließen.
Vorsichtig öffnete sie dich Augen.
„Ein Adler“, meinte Irene erstaunt.
„Ich glaub mein Schwein pfeift“, meinte Larry.
Aisha sah an sich herunter.
Sie war ein Adler.
Sie spreizte die Flügel.
Ob sie so fliegen konnte?
Sie wollte fragen, doch aus ihrem Schnabel kam nur ein schriller Ad-lerruf.
Plötzlich ging sie wie allein zur Klippe und stürzte sich hinunter.
Einen Moment dachte sie, sie würde hart auf dem Boden aufschlagen und zerschmettern, doch da spannte sie ihre gewaltigen Flügel auf und flog hoch in die Luft.
Sie genoss dieses Gefühl.
Heiße und kalte Wellen durchfluteten sie.
Es war sie ein Gefühl von Freiheit!
Sie landete wieder auf dem Plateau und verwandelte sich zurück in ihre menschliche Gestalt.
„Ein Adler“, wiederholte Irene.
„Ja, klasse, was?“, lachte Aisha.
„Ja, auf jeden Fall“, sagte Larry. „Aisha“, sagte er ernst.
„Was ist?“, fragte Aisha.
„In einer Sage heißt es, dass nur Großmagier sich in Adler, die Könige der Lüfte, verwandeln können“, sagte Larry.
Aisha schluckte.
„Und was heißt das für mich?“, fragte sie.
„Du bist eine besondere Magierin. Die Dämonen werden dich vielleicht für eine von ihnen halten“, sagte Larry.
„Wieso? Bin ich denn keine Großmagierin der Menschen sondern eine der Dämonen?“, fragte Aisha.
„Menschen sind schwach. Schwächer als Dämonen. Normalerweise werden nur Dämonen zu solchen Magiern“, sagte Larry.
„Heißt das, ich bin ein Dämon?“, fragte Aisha.
„Nein. Aber die Dämonen werden dich für eine der ihren halten. Das werden wir für uns nutzen. Hintergehe sie“, sagte Larry.
„Gibt es denn überhaupt weibliche Dämonen?“, fragte Aisha weiter.
„Sehr selten. Soweit ich weiß gibt es gar keine mehr. Vor Jahrtausen-den gab es welche“, antwortete Larry.
„Das heißt, ich spiele eine Dämonin. Sie werden mich auch zum Duell herausfordern, hab ich recht?“
Larry nickte.
„Wir beginnen deine Ausbildung morgen früh.“
Kapitel XVI
Seit Monaten hatten sie geübt.
Es war Sommer geworden.
Aisha war vierzehn geworden.
Aisha war soweit.
Sie öffnete die Felswand und ging in den Gang.
Larry nahm ihre Hand.
„Pass auf dich auf, Kind“, sagte er eindringlich.
Aisha nickte.
„Ich meine es ernst. Es ist todernst. Diese Dämonen sind keine norma-len Magier“, sagte er.
Wieder nickte Aisha.
„Ich werde wachsam sein.“
Dann ging sie mit einer Fackel den Gang entlang.
Larry hatte ihr einen unsichtbaren Feuerschutz gegeben.
„Nur Dämonen können in dieser Hitze überleben“, hatte er gesagt.
Vielleicht war sie ja einer.
Sie wusste es nicht.
Es hing alles von ihr ab.
Aisha zitterte trotz der Hitze.
Sie erreichte die Halle.
Erst jetzt fiel ihr das spinnenwebenfeine Gebilde auf, das über den Eingang gespannt zu sein schien.
Das schien der Punkt zu sein, wo Larry und seine Töchter nicht mehr weiter kamen.
Sie tat einen Schritt.
Sie trat durch das magische Tor.
Sie schritt näher.
Die Dämonen waren in ihre Kämpfe vertieft.
Ein weiterer Dämon fiel in Feuer-, Gift-und Eiswolken.
Aisha blieb kurz vor den Dämonen, die mit dem Rücken zu ihr stan-den, stehen.
Der Sieger jubelte, die Dämonen jubelten.
Die Dämonen drehten sich um und sahen sie überrascht an.
„Oh, wir haben Besuch“, sagte einer der Dämonen.
„Mein Name ist Aisha“, sagte Aisha mit fester Stimme.
„Ihr seid kein Mensch“, erkannte der Dämon.
Aisha schluckte.
„Sonst hätte ich die magische Sphäre wohl kaum überwunden“, sagte sie.
„Wie wahr. Also seid ihr eine Dämonin?“, fragte der Dämon.
Aisha sah ihm finster entgegen, so wie alle Dämonen hier guckten.
„Wir sind gerade dabei, unseren neuen Anführer zu küren“, sagte der Dämon schnell.
Er sah aus wie ein junger Mann.
Doch seine Züge waren hart.
Eine gewisse Boshaftigkeit strahlte er aus.
„Habt ihr vielleicht Interesse?“, fragte der Dämon.
Aisha nickte.
„Gerne.“
Sie ging auf die Bühne.
Sie stand einem weiteren Dämon gegenüber.
„Habt ihr es gern blutig oder lieber interessant?“, fragte Aisha.
„Blutig und interssant!“, riefen die Dämonen.
Ihr Gegenüber schnaubte wie ein Stier.
„Nun gut“, sagte Aisha.
„Passt gut auf, er war unser Anführer. Bis jetzt hat er uns alle besiegt. Wer es schafft, ihn zu besiegen, soll unser neuer Anführer sein“, sagte der Dämon.
Aisha nickte.
„Lasst den Kampf beginnen“, sagte der Dämon.
Aisha schloss kurz die Augen.
Sie fühlte die Energie.
Sie fühlte das Feuer in sich.
Sie formte das Feuer.
Sie schleuderte es auf ihren Gegner.
Doch dieser verwandelte sich in einen eidechsenförmigen Drachen und wich aus.
Kapitel XVII
Das Verwandeln schien erlaubt zu sein.
Der Drache riss sein Maul auf und schnappte nach ihr.
Aisha verwandelte sich in einen Adler und wich ebenfalls aus.
Ein Raunen ging durch die Dämonen.
„Ein Adler!“, rief einer der Dämonen.
„Aisha! Aisha!“, riefen die Dämonen.
Aisha flog auf die andere Seite und nahm wieder ihre menschliche – oder dämonische Gestalt? – an und formte erneut einen Feuerzauber.
Jetzt allerdings schneller.
Sie traf den fauchenden Drachen.
Die Schuppen wurden rußig, die Haut platzte an manchen Stellen auf.
Der Drache fauchte und wand sich.
Aisha verwandelte sich wieder in ihre tierische Gestalt und ging auf den Drachen los.
Wie verrückt hieb sie mit ihrem Schnabel auf den verwandelten Dä-monen ein.
Sie riss ihm das Fleisch von den Knochen und verzerte ihn komplett.
Sie verwandelte sich zurück und musste mit sich kämpfen um sich nicht zu übergeben.
Das war sie gewesen?
Sie war als Adler völlig unberechenbar.
Die Dämonen fielen auf die Knie.
Auch dieser eine, junge Mann.
„Das ist euer Anführer?“, rief Aisha. „Das ist er gewesen!“, rief sie und zeigte auf das Skelett, das von ihm noch übrig war.
„Bitte Herrin, verschont uns!“, riefen die Dämonen.
Aisha wunderte sich.
So schnell konnte man Dämonen also schwach kriegen.
Eine Frau hatte den Anführer der Dämonen besiegt.
„Ich verschone euch!“, rief sie.
Die Dämonen standen auf.
„Los, lasst uns feiern!“, rief der Dämon.
„Ich komme gleich zurück“, sagte Aisha, verwandelte sich und flog aus der Grotte.
Sie hatte sich die Dämonen unterworfen.
Sie musste schnell zurück zu Larry und ihm alles erzählen.
Unbedingt.
Es war wichtig.
Kapitel XVIII
Aisha landete vor Larry.
Der Adler war blutverschmiert.
Larry musterte sie besorgt.
Aisha verwandelte sich zurück.
Die junge Frau machte ihm Sorgen.
„Sie haben sich mir unterworfen!“, triumphierte das Mädchen.
„Aisha, du machst mir Sorgen“, sagte Larry.
Aisha sah ihn fragend an.
„Du hast einen Dämonen zerfleischt. Von Kämpfen war keine Rede“, ermahnte der alte Magier sie.
„Wofür habe ich mich denn Monate lang, ein halbes Jahr lang abgera-ckert? Wofür habe ich die Magie erlernt?“, fragte Aisha.
„Zum Schutz, sollten sie auf dich losgehen. Aber du solltest doch nicht bei ihnen eine Ausbildung zur Dämonin beginnen!“
Aisha ballte ihre Hände zu Fäusten.
„Du wirst nicht mehr in die Unterwelt zurückkehren“, sagte Larry und sah sie finster an. „Hast du mich verstanden, Mädchen?“
Aisha sah auf den Boden.
Ihre Hände taten vom Fäuste ballen weh.
Einen Moment schoss ein Gedanke durch ihren Kopf, den alten Magier mit Feuer, Eis und Gift zur Seite zu fegen.
Sie biss sich ganz fest auf die Lippen, sodass es fast blutete.
Dann sah sie auf und zwang sich zu einem Lächeln.
„Natürlich. Wie du willst.“
Sie legte sich schlafen.
Doch sie schlief nicht.
Sie versuchte, ihre Gefühle zu begreifen, ihre Gedanken zu zügeln.
Sie wurde immer unberechenbarer.
Irgendetwas zog sie zurück.
Zurück in die Unterwelt.
Zu den Dämonen.
Zu Dämonen, die die Welt unterwerfen wollten.
Sie begriff nicht, dass sie vor ein paar Minuten den Drang gehabt hatte, Larry zu töten.
Was war es, was sie zurückzog?
Aisha bekam Angst.
Larry hatte ihr Leben ruiniert.
Wäre er nicht in ihrer Kammer erschienen, wäre all das nicht passiert.
Dann…dann würden die Dämonen über sie herfallen und sie und alle Dörfer vernichten.
Aisha schüttelte den Kopf.
Als Hexe war sie geflohen.
Als was kam sie wieder?
Als Dämon?
Als Magierin?
Oder kam sie gar nicht mehr wieder?
Waren diese Dämonen auch mal Menschen gewesen?
Nette Menschen?
Was hatte sie zu dem gemacht, was sie nun waren?
Ob sie selbst nur durch die Anwesenheit der Dämonen selbst zu einem werden konnte?
Oder war sie schon einer?
Aisha hatte keine Zeit mehr, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Denn sie schlief kurz darauf ein.
Kapitel XIX
Aisha wachte in der Nacht auf.
Sie sprang auf.
Dieser alte Narr von einem Zauberer konnte sie nicht aufhalten.
Aisha nahm ihre Adlergestalt an und flog in den Gang.
Als sie über die Köpfe der Dämonen hinwegsegelte, fielen sie auf die Knie.
„Lasst euch nicht stören“, sagte Aisha, nachdem sie ihre Gestalt wieder angenommen hatte.
Die Dämonen liefen weiter, verteilten sich in dem riesigen Raum.
Die Hitze störte Aisha nicht.
Da kam der junge Dämon zu ihr.
„Herrin, gestattet mir, mich euch zu nähern“, bat er.
Aisha nickte gnädig.
Vorsichtig, ganz vorsichtig, schritt der Dämon näher.
Er verbeugte sich.
„Mein Name ist Ajith“, sagte er.
Aisha nickte.
„Ihr braucht euch nicht zu verbeugen“, sagte Aisha.
Ajith nickte gehorsam.
„Nennt mich bitte Ajith“, sagte er.
Aisha nickte.
„Dann darfst du mich auch Aisha nennen“, sagte sie.
„Ich fühle mich geehrt“, sagte Ajith.
„Also, was ist dein Anliegen?“, fragte Aisha.
„Ich möchte dich daran erinnern, dass du als Herrscherin der Dämonen einen Lebensgefährten wählen musst“, sagte Ajith.
Aisha erschrak ein bisschen.
„Aus den Dämonen?“, fragte sie.
„Ja, natürlich ein Dämon“, sagte Ajith.
Was hatte sie schon zu verlieren?
Und wenn die Dämonen die Welt zerstören würden, ihre Familie, ihr Dorf, alle Welt hasste sie.
Würde Larry von ihrem heimlichen Aufenthalt hier erfahren, würde er sie auch hassen, genauso wie Irene, Cecilia und Aneba.
Sie hatte nichts zu verlieren.
Sie würde einen Dämonen heiraten müssen.
„Sag allen Dämonen, dass ich den heiraten werde, der mir das größte Geschenk darbringt“, sagte Aisha.
Ajith nickte und verbeugte sich.
Aisha fragte sich, was sie da tat.
Kapitel XX
Die Dämonen hatten sich vor ihr versammelt.
Sie standen in Reih und Glied vor ihr.
Es waren sieben.
Nur drei davon hatten sich gemeldet.
Der erste war dran.
Er zeigte ihr einen funkelnden Brilliantenring.
Aisha nickte, doch sie winkte den Nächsten vor.
„Ich biete dir die ganze Welt“, sagte der Nächste.
„Gehört dir denn die ganze Welt?“, fragte Aisha.
„Nein, noch nicht. Aber ich werde dich zur größten Herrscherin ma-chen, die jemals gelebt hat“, versprach er ihr.
Aisha nickte und winkte den Nächsten zu sich.
Ajith.
Ihr Herz schlug seltsam.
Schneller.
Es war, wie wenn sie die Energie der Kräfte in sich spürte.
Und doch ein bisschen anders.
Solch ein Gefühl hatte sie noch nie gehabt.
„Herrscherin, ich bringe euch mein Herz. Brecht es lieber nicht.“
Aisha sah Ajith an.
Die Dämonen wirkten so zerbrechlich.
Sie waren in irgendeiner Weise nicht mehr die blutrünstigen Bestien, sondern wirkten wieder wie Menschen.
Es wurde still.
Aisha wurde klar, dass sie sich in Ajith verliebt hatte.
War sie verrückt?
Vielleicht.
Die Dämonen sahen sie an.
Würde sie nicht den Geeigneten finden, war es ihr Recht, sie alle zu töten.
Die Dämonen hatten schlicht und einfach Angst.
Dämonen hatten Angst!
Aisha stand auf.
Sie war ein bisschen kleiner als Ajith.
„Ajith“, flüsterte sie.
„Herrscherin. Aisha, willst du mich heiraten?“, fragte Ajith.
Aisha schloss wieder einmal kurz die Augen.
Die Bilder der vergangenen Monate, Jahre zogen an ihr vorbei.
Sie warf ihre Fesseln ab.
Sie war frei.
Sie würde sich für das große Unrecht rächen.
Es war so weit.
„Ja, ich will“, sagte sie.
Kapitel XXI
Aisha lag wieder neben dem Lagerfeuer, oben auf dem Plateau.
Sie hatte Ajith geheiratet.
Sie focht mit sich.
Verdammt, was hatte sie getan?
Sie hatte sich Ajith hingegeben.
Sie wurde langsam zur Dämonin.
Zu einem grausamen Geschöpf.
Doch wenn sie an Ajith dachte, musste sie lächeln.
Sie musste es geheimhalten, vor Larry.
Larry, der sie wie ein Vater aufgenommen hatte.
Der, der sich von ihr Hilfe erhoffte!
Von ihr, die sie jetzt die gesamte Menschheit verriet.
Aber was hatte sie wirklich zu verlieren?
Sie hatte all das hinter sich gelassen.
Es war ihr zu blöd, immer nach der Pfeife anderer zu tanzen.
Nein, damit war schluss.
Sie würde mit Ajith die Welt regieren.
Welche Welt, wenn die Dämonen alles zerstören wollten?
Was tat sie da bloß?
Und schon wieder fühlte sie es: Es zog sie zurück.
Aisha stand auf und flog als Adler zurück in die Unterwelt.
Ajith empfing sie.
„Na, meine kleine Göttin?“, lachte er und nahm sie in den Arm.
Aisha hätte nie gedacht, dass sie hier unten Liebe und Wärme finden würde.
Dass Dämonen so anders sein konnten.
Aisha wehrte sich nicht.
„Morgen brechen wir auf“, flüsterte Ajith.
„Wohin?“, fragte Aisha.
„Um uns die Welt zu holen“, sagte Ajith.
Aisha riss sich los und sah Ajith an.
„Was ist?“, fragte Ajith.
„Nichts, nichts“, sagte sie schnell.
„Gut, also?“, fragte Ajith.
„Ja, lass uns aufbrechen“, sagte Aisha und lächelte.
Sie und Ajith.
Mehr nicht.
Nur sie beide.
Sie waren füreinander bestimmt.
Kapitel XXII
Aisha sah ins Tal.
Die Sonne war aufgegangen.
Sie war warm.
Aisha atmete die frische Luft ein.
„Aisha“, sagte jemand hinter ihr.
Larry.
Sie hatte ihn hintergangen.
„Ich werde mit Irene, Cecilia und Aneba ins Tal gehen. Zu deinem Heimatdorf. Die Dämonen werden ihre Angriffe starten, ich fühle es“, sagte er.
Aisha nickte.
Sie drehte sich nicht um.
„Willst du mitkommen?“, fragte Larry.
„Nein, ich bleibe hier. Du weißt, dort bin ich noch immer eine Hexe“, sagte Aisha leise.
„Gut. Bis bald, Kind. Pass auf dich auf“, sagte Larry.
Aisha nickte.
Erst jetzt sah sie tief unten die drei Mädchen in ihren Tiergestalten.
Da flitzte ein kleiner Marder an ihr vorbei und die steile Felswand hinab.
„Leb wohl Larry“, flüsterte Aisha.
Sie winkte den vier Tieren nach, bis sie im Wald verschwanden.
Aisha seufzte.
Sie hatte die Seiten gewechselt.
Noch heute würde sie alles Leben im Tal auslöschen.
Ihre Mutter.
Ihren Vater.
Vanessa.
Daniel und all die anderen!
Alle würden sie töten.
Larry, Irene, Cecilia und Aneba.
Alle.
„Wenn es das Schicksal so will“, sagte Aisha leise. „Dann muss es wohl so sein.“
Eine Träne lief über Aishas Wange und fiel in die Tiefe.
Kapitel XXIII
„Ich werde vom Plateau aus warten“, sagte Aisha mit fester Stimme.
Ajith nickte und küsste sie.
„Pass auf dich auf“, flüsterte er.
Aisha nickte und lächelte.
„Wenn du mich brauchst, ruf mich“, sagte sie.
Ajith nickte und lächelte.
„Los Männer, das wird blutig!“, rief er und zeigte auf den Ausgang.
Dann liefen sie los.
Sie mochten nur zu siebt sein, aber sie beherrschten die Magie.
So wie Aisha es ebenfalls tat.
Aisha sah ihrem Geliebten nach.
Schließlich seufzte sie und verwandelte sich in ihre tierische Gestalt und flog auf das Plateau.
Sie konnte das ganze Tal überblicken.
Mit ihren Adleraugen konnte sie sogar sehen, was in dem Dorf hinter dem Wald geschah.
Sie sah Tiere, Menschen.
Und da!
Vanessa!
Sie war erwachsen geworden.
Hübsch.
Wieso war sie noch dort?
Sollte sie nicht schon längst verheiratet sein?
Mit diesem Händler?
Sie sah einen jungen Mann, mit dem Vanessa sprach.
Ob das ihr Mann war?
Waren die beiden in dem Dorf geblieben?
Aisha seufzte.
Sie sah Larry, wie er mit dem Priester sprach.
Unbändige Wut kochte in Aisha hoch.
Die Nacht, in der er das Urteil gefällt hatte.
Der Priester nickte.
Sie sprachen über die Hilfe, die Larry ihnen leisten wollte.
Larry war ein alter Magier, dem jeder vertraute.
Doch Frauen, die zaubern konnten, schienen ein schlechteres Los zu haben.
Sie sah die Dämonen.
Ajith.
Ihr Geliebter.
Sie sah, wie die Dämonen angriffen.
Die Menschen wehrten sich tapfer.
Drei Dämonen wurden von Larrys Feuer verbrannt.
Aisha sah fassungslos, wie zwei weitere Dämonen von einer Mistgabel aufgespießt wurden.
Die Menschen waren stärker!
Aisha hob ab und segelte schnell über die Wiese, das Feld, den Wald, dann hatte sie das Dorf unter sich.
Kapitel XXIV
Aisha kreiste über Ajith.
Plötzlich traf ihn ein Blitz von Larry.
Aisha stieß einen Schrei aus.
Ajith strauchelte.
Magische Blitze stahlen einem alle Kräfte.
Sie hatte es oft genug an Larry geübt.
Larry formte gerade eine Feuerkugel, die Ajith töten würde, da setzte Aisha zum Sturzflug an, verwandelte sich noch im Flug zurück und fiel die letzten drei Meter nach unten.
Sie traf Larry mit dem Fuß am Kopf.
Der alte Mann sackte zusammen.
Aisha eilte zu Ajith.
Er lag auf dem Boden und sah matt zu ihr auf.
Plötzlich traf ihn eine Eiswelle von Aneba.
Ajith erlitt einen Kälteschock.
Ajith fiel leblos in sich zusammen.
„Ajith!“, rief Aisha aus.
„Aisha, was tust du?“, rief Aneba.
„Frieden schaffen!“, rief Aisha und sammelte alle Energie, die sie in sich finden konnte.
Eine Kugel aus blauen Blitzen sammelte sich in ihrer Hand.
Sie stieß sie in Ajiths Körper.
„Bitte Ajith!“, rief sie.
Ajith öffnete schwach seine Augen.
Aisha hörte einen Aufschrei.
Der Priester des Dorfes war von einem Dämon mit dem Schwert durchbohrt worden.
Aisha wollte es ignorieren.
Doch sie sprang auf und lief zu dem Priester.
Er blutete.
Aisha wusste, er konnte das nicht überleben.
Doch sie sammelte abermals alle Energie, die in ihr vorhanden war und stieß sie auch dem Priester in den Körper.
„Los, bitte! Das Dorf braucht dich doch!“, rief sie.
„Aisha“, murmelte der Priester. „Es tut mir leid.“
„Los, du musst das überleben!“, rief Aisha.
„Nein, du hattest recht. Gott wird mich zu sich holen“, sagte der Mann.
„Nein, noch nicht jetzt“, sagte Aisha, sammelte erneut Kräfte und gab sie dem Priester.
„Aisha, es ist zu spät. Du wirst es weit bringen“, sagte der Priester.
„Nein, du darfst nicht aufgeben!“, rief Aisha.
Sie zog den Priester zu Ajith und gab ihnen abwechselnd ihre Kräfte.
„Wer hat mir immer gesagt, ich solle weitermachen? Wer hat immer gesagt, ich darf nicht aufgeben? Wer hat mir denn stundenlange Vor-träge über den Sinn des Lebens gehalten?“, rief Aisha und stieß erneut zu.
„Aisha…es tut mir leid“, sagte der Priester.
Dann schlossen sich seine Augen.
Für immer.
„Nein!“, weinte sie. „Nein!“
Noch einmal stieß sie ihm ihre magische Kraft in den Körper, dann gab sie auf.
Sie wandte sich Ajith zu, der beinahe wieder das Bewusstsein verlor.
„Los Ajith! Du bist ein Dämon! Du bist stark!“, weinte Aisha.
„Aisha…“, murmelte Ajith und griff nach ihrer Hand. „Du bist ein Mensch…“
„Nein“, schluchzte sie und legte sich auf Ajith und weinte. „Ich bin eine Magierin. Und du bist ein Magier!“, rief sie.
Sie rappelte sich wieder auf und sammelte erneut ihre Kräfte.
„Fühlst du denn nichts? Wie kannst du mich lieben und gleichzeitig töten? Ajith! Bitte, sag mir was du fühlst!“
Ajith schloss die Augen, Aisha dachte, er würde sie auch verlassen, doch dann öffnete er die Augen wieder.
„Ich fühle nichts“, sagte er.
„Das ist nicht wahr!“, rief Aisha entzünt und stieß Ajith ihre Energie und Feuer gleichzeitig in den Körper, sodass Ajith aufstöhnte.
„Bitte Ajith!“, rief sie.
Kapitel XXV
Aisha zog ein kleines Glas aus ihrem Kleid.
Es war ein kleines, ganz zierliches Glas.
„Ajith!“, sagte sie.
Aisha fasste einen Entschluss.
Entweder so oder gar nicht.
Sie verwandelte sich in einen Adler.
„Was hast du vor?“, fragte Ajith.
Aisha wusste, Ajith würde leiden müssen.
Doch dann stieß sie ihren Schnabel in Ajiths Bauch.
Ajith schrie auf.
Dann verstummte sein Schrei.
Ajinth wurde bewusstlos.
Aisha schlitzte seinen Bauch komplett auf.
Sie spürte das Leben, das aus Ajinth strömte.
Aisha verwandelte sich zurück.
Da sah sie es.
Unter seinem Herz hatte sich etwas eingenistet.
Das, was Dämonen zu Dämonen machte.
Es war schwarz.
Aisha zog es heraus und steckte es in das Glas.
Sie verschloss das Glas luftdicht.
Es war ein kleiner Parasit, der Menschen verwandelte.
Sie süchtig machte nach Macht.
Aisha legte die Haut von Ajiths Bauch wieder zusammen und sammelte wieder ihre Energie.
Es wurde immer mehr.
So viel, dass Aisha sie nicht mehr halten konnte.
Sie stieß zu.
Die Energie floss durch Ajiths Körper und schloss die große Wunde.
Er hatte viel Blut verloren.
Aisha stieß nochmals zu.
Ajith öffnete die Augen.
Aisha war klar, ohne den Parasit war er jemand ganz anderes.
Ob er sie noch kennen würde?
„Wo bin ich? Wer bin ich?“, fragte Ajith.
Aisha rollte eine Träne über das Gesicht.
„Ich bin’s, Aisha! Gestatte mir noch einer Kuss“, bat sie und küsste Ajith vorsichtig.
„Aisha…“, murmelte Ajith schwach. „Ich kenne dich…du bist…du bist die Magierin“, sagte er.
Aisha lachte unter Tränen kurz auf.
„Zu viel Blut hat dieser Tag gesehen“, sagte sie.
„Du bist meine Frau“, sagte Ajith.
Aisha nickte und küsste ihn noch einmal.
Die Bewohner des Dorfes sammelten sich um die beiden.
Die Dämonen waren alle tot – alle, bis auf Ajith.
„Ajith, liebst du mich noch?“, fragte Aisha unter Tränen.
„Aisha, ich werde dich immer lieben“, sagte Ajith.
Er setzte sich auf.
„Danke, du hast mich gerettet“, flüsterte er.
Aisha lächelte.
„Ich bin eine Magierin. Ich bin kein Mensch und kein Dämon, ich bin…“
Aisha brach ab.
Eine Magierin?
„Du bist genau dazwischen, meine kleine Göttin. Und deshalb liebe ich dich!“, sagte Ajith.
Aisha lachte und umarmte Ajith.
Kapitel XXVI
Aisha stand am Fenster ihres Hauses.
Sie war mit Ajith hier eingezogen.
Sie legte eine Hand auf ihren Bauch.
Sie fühlte es.
Und sie freute sich darüber.
Ajith stand hinter ihr.
Am vergangenen Tag hatten sie hier auch geheiratet.
Aisha fand das alles ziemlich verrückt.
Sie war als Hexe geflohenen, hatte ein Leben als Zauberschülerin be-gonnen, hatte die Seiten gewechselt und war als große Magierin zu-rückgekehrt.
Und sie hatte einen Dämon geheiratet.
Verrückt.
Und doch war Aisha froh, dass das alles so geschehen war.
Ajith ging wortlos nach draußen.
Aisha sah auf den See hinaus, auf dem sich die Wolken spiegelten.
Sie dachte an den Priester.
Dann betete sie.
Am Ende seufzte sie.
„Möge sich Gott deiner Seele erbarmen.“
Ende
(Über Kommentare freue ich mich immer :D)